Baby, Body oder beides?

CrossFit ist ein Sport für Starke. Zwischen Schnellkraft, Ausdauer und Disziplin gilt es, die richtige Balance zu finden. Selbst eine Schwangerschaft kann leidenschaftliche CrossFitterinnen nicht vom Training abhalten. Dabei jonglieren manche mit dem Leben ihres Kindes. Kein leichter Sport. Wie weit würdest du gehen?

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Heute macht Meike nur noch so Sport, dass er ihrem Körper nicht schadet

Meike ist eine Powerfrau. Eine Löwenmutter, eine Kämpferin. Doch vor drei Jahren ging sie einen Schritt zu weit: Meike riskierte das Leben ihres ungeboren Kindes für ihre Passion, das CrossFit, eine Kraftsportart mit Schwergewichten. Sie trainierte und trainierte, weil sie falschen Informationen aus dem Internet vertraute, sich auf Social Media verließ und Warnsignale ihres Körpers missachtete. Nun möchte die 36-Jährige andere Frauen warnen und für das Thema Sport während der Schwangerschaft sensibilisieren. Denn: Bewegung ist sinnvoll, aber richtig dosiert und nicht zu extrem!

Schwanger, nicht krank!

Generell sind Sport und Bewegung gut für den Körper. Aber es gilt, das richtige Maß zu finden. Sanfte Dehn- und Kräftigungsübungen sind sowohl vor, als auch nach der Geburt sinnvoll. Aber extremes Gewichte- oder Ausdauertraining können böse Folgen haben – fürs Kind und vor allem auch die Mutter. Der Körper einer Schwangeren verändert sich: Das Blutvolumen z.B. nimmt um die Hälfte zu. Der vermehrte Großteil davon sind Blutplasma, nicht aber die roten Blutkörperchen. Hat eine Frau zu wenig von ihnen, spricht man von einer Blutarmut, einer Anämie. Rote Blutkörperchen braucht der Körper für den Sauerstofftransport  zu den Gewebezellen. 

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Ihren Kindern zuliebe hat Meike gelernt, gesund Sport zu machen

Krafttraining ja, aber richtig

Einen wichtigen Teil der Schwangerschaft bestimmen die Hormone und Enzyme. "Sie wirken auf den Beckenboden, Gelenke und Bänder ein und lassen alle Bereiche weicher und flexibler werden", erklärt Spezialist und Priv. Doz. Dr. med. Sven Jürgens, Leiter der BeckenbodenKlinik Hamburg. Das ist sinnvoll, denn der Körper bereitet sich auf die Geburt vor. Hebt eine Schwangere wiederholt falsch und zu schwer, wird der Beckenboden zusätzlich geschwächt und Inkontinenz können folgen. Nach vaginalen Geburten kann es auch  zu Organsenkungen kommen, zum Beispiel kann die Gebärmutter in die Vagina absinken.

Physiotherapeutin, Pilatestrainiern, Heilpraktikerin und Buchautorin ("Mein Beckenbodenbuch") Franziska Liesner arbeitet seit zwei Jahrzehnten mit Frauen vor, während und nach der Geburt zusammen und unterstützt den Ansatz: "Viele machen Fehler beim Gewichtheben und schaden damit langfristig dem Rücken, dem Beckenboden und den Knien. In der Schwangerschaft ist die statische Belastung durch das größer werdende Bauchgewicht sowieso schon viel größer und aufgrund der Schwangerschaft ist der Körper einer Frau hormonell noch ‚weicher' eingestellt als sonst. Das ist gut für die Geburt, aber sonst eben nicht."

Gesunder Beckenboden!

Nach der Geburt kann eine zu frühe und zu starke Belastung durch falsches Training die Regeneration und Rückbildung behindern. Auch sechs Wochen nach der Geburt befindet sich der Körper noch in der Wundheilung. Daher sollten sich Frauen Zeit lassen und nach der Entbindung mit sanften Dehnübungen oder Walken beginnen, anstatt zu viele Kilos zu stemmen oder zu schnell zu rennen.

Auch Julie Wiebe aus den USA, die einen Masterabschluss im Physio-Bereich hat und auf Athletinnen und Beckenbodentrining spezialisiert ist, weiß: "Laufen während der Schwangerschaft ist am schlimmsten". Weil das den Beckenboden so stark belastet. Lieber zügig gehen und vor allem niemals die Luft anhalten. 

Internet-Hype der starken Frauen

Warum setzen sich viele Frauen diesem enormen Sport- und Schönheitsdruck aus? Viele kämpfen mit Einflüssen von außen. Viele YouTube-Videos zeigen CrossFitterinnen, die schwere Gewichte heben und gleichzeitig urinieren. Das ist nicht lustig! "Diese Menschen versehen leider nicht, dass der Beckenboden in dem Moment einfach schlapp macht und nicht mehr von unten gegen den enormen Bauchdruck gegenhalten kann", so Liesner. 

Brianna Battles ist CrossFit-Athletin aus den USA, Coach, Ausbilderin und selbst Mutter. Sie rät: "Höre auf deinen Körper und respektiere ihn. Du ,kannst' heißt nicht, du ,sollst'!" Oft sind unsere Gedanken, die unser Handeln beeinflussen gefährlicher, als die Übung selbst. Für, bzw. vor der Schwangerschaft sollte Battles zufolge ausreichend Kraft antrainiert werden. Nach der Geburt: Zeit lassen! Es geht vor allem darum, dem Körper die nötige Erholung zu gönnen und sich auf die Zeit mit seinem Baby zu konzentrieren. "Die ist kurz und kommt nicht wieder."

Auch Julien Pineau, ehemaliger Coach bei Invictus aus den USA, der nun das Strongfit Konzept aufgebaut hat, bringt das Thema auf den Punkt: "Social Media betrifft nicht nur Schwangere, sondern ist ein allgemeines, mentales Problem. Jede Frau sollte ihre Schwangerschaft genießen. Die Kraft geht dadurch nicht verloren, doch sie gewinnen dafür ein Baby, ein neues Leben!" Auch Meike weißt: Im CrossFit-Bereich kursiert die Aussage "Leave your ego at the door" – eine äußerst empfehlenswerter Ansatz, findet die junge Frau. Keine Frau sollte für ihr Ego trainieren, sondern sich auf die Umstellung des schwangeren Körpers, auf das Baby selbst und sanftere Workouts konzentrieren. Denn es ist der wohl größte und schwierigste Punkt einer CrossFitterin, unwissend und falsch zu trainieren, weil das Leistungsego und die Unwissenheit zu groß ist. 

Also, liebe Mamis: genießen und abschalten!