Was versteht man unter Burn On Syndrom? – Interview

Mental Health Week: Was versteht man unter Burn-On-Syndrom? – Interview

Was kommt vor dem Burn-out? Experte Christian Rupp erklärt im Interview das "Burn-On-Syndrom": Wie es entsteht, wie man es erkennt und damit umgeht.

Mental Health Week: Was versteht man unter Burn-On Syndrom?
© Thought Catalog on Unsplash
Workaholic oder schon Burn-Out-Gefahr? Ein Experte erklärt das "Burn-On-Syndrom".

Am 10. Oktober 2021 findet der Welttag für psychische Gesundheit, der #MentalHealthDay, statt. Besonders an diesem Tag und in der Woche davor, der Mental Health Week, soll der Fokus auf der Entstigmatisierung und Normalisierung von mentaler Gesundheit, psychischen Erkrankungen und einem bewusst liebevollen Umgang mit sich selbst liegen. Auf jolie.de findet ihr diese Woche aus diesem Anlass Texte rund um Selbstliebe, mentales Wohlbefinden und Psychotherapie.

Der Begriff "Burnout" ist mittlerweile jedem bekannt: Als Burn-out (engl. to burn out: „ausbrennen“) bezeichnet man eine Erkrankung, die aus chronischem Stress entsteht und die oft aus berufsbezogener chronischer Erschöpfung entsteht. Menschen, die an einem Burn-out leiden haben sich oft schlichtweg überarbeitet. Doch was kommt eigentlich vor dem Burn-Out? Ein neuer Trendbegrifft will die Phase vor dem Burnout beschreiben: Das "Burn-On Syndrom". Experte und Coach Christian Rupp verrät uns im Interview, wie dieses Syndrom entsteht und wie man am besten damit umgeht.

Alle weiteren Themen zur Mental Health Week findest du hier.

1. Herr Rupp, was genau versteht man unter dem Burn-on-Syndrom?

Burn-on ist ein neues “Krankheitsbild” von 2021, das man mit einem Workaholic vergleichen kann – also der Sucht, arbeiten zu müssen. Für mich ist es eher eine „Phase“ und „Alarmstufe rot“ vor einem Burn-out.

2. Wie unterscheidet sich Burn-on von Burn-Out?

Burn-out kennen wir alle, doch die Phase “Burn-On” erleben weit mehr Menschen als ein wirkliches Burn-out Syndrom. Denn bei Burn-On hat man ja noch keinen Grund zum Arzt, Psychologen oder Therapeuten zu gehen. Stressige Zeiten sind ja normal, sagt man –  doch diese hören leider nie auf. Im Burn-on-Zustand funktionieren die Betroffenen im halbroten bis roten Bereich. Der Teufelskreis beginnt dann, wenn die Leistungsfähigkeit zunehmend abnimmt, was man durch Mehrarbeit ausgleichen möchte. Das geht so lange gut, bis man durch ein Ereignis, zum Beispiel Urlaub oder Feiertage, zur Ruhe gezwungen wird. Danach geht es im gleichen Tempo weiter. Der Erschöpfungszustand des Burn-outs tritt erst später ein.

3. Sprechen Sie aus Erfahrung?

Ja, diese Geschichte kenne auch ich und rutschte selbst in ein Burn-out und eine Erschöpfungsdepression. Mein Verstand war damals auf Leistung getrimmt und ich fühlte mich von allen anstehenden Arbeiten getrieben, alle Ansprüche an mich erfüllen zu wollen. Ich gönnte mir keine Pausen, konnte mich nicht abgrenzen und war weiterhin sehr pflichtbewusst.

4. Welche Symptome und Begleiterscheinungen hat ein Burn-On Syndrom?

Die körperlichen Symptome sind noch nicht so stark ausgeprägt wie beim Burn-out. Es macht sich jedoch sicher eine allgemeine Erschöpfung breit, die emotionalen Themen werden zurückgestellt und der Mensch funktioniert nur noch aus dem Verstand. Weitere Begleiterscheinungen auf der körperlichen Seite sind vermehrt Krankheiten, da das Immunsystem geschwächt ist. Außerdem kann die Konzentrationsfähigkeit darunter leiden, was zu kleineren oder größeren Fehlern bei der Arbeit oder sogar zu Unfällen führen kann.

5. Welche Berufe sind besonders gefährdet?

Es kommt weniger auf den Beruf an, als auf die eigene Einstellung zur Arbeit. Natürlich spielt auch die Arbeitsintensität und das Wertesystem am Arbeitsplatz eine Rolle, doch es kommt auch sehr darauf an, inwiefern man im Arbeiten den “Sinn des Lebens” sieht. Vor allem sind die persönliche Leistungsbereitschaft, Perfektionismus, allen-alles-recht-machen-wollen-Syndrom sowie psychosozialer Druck mitverantwortlich. Letztlich steht die Angst, nicht zu genügen, nicht angenommen zu werden und weitere verletzte Grundwerte im Mittelpunkt. Ich stelle hin und wieder fest, dass hochsensible Personen, unabhängig ihrer Berufsfelder, stärker betroffen sind als weniger sensible Personen. Weniger sensible Personen können sich meist besser abgrenzen und fühlen sich weniger schnell verletzt.

6. Viele Erkrankte gestehen sich eine psychische Erkrankung nicht ein, da sie von der Gesellschaft nicht gesehen wird oder gesehen werden möchte. Lässt sich diese "Vielleicht bin ich ja gar nicht krank"-Mentalität auch auf das Burn-On-Syndrom übertragen?

Nun, wenn jemand länger ein Workaholic ist, ist dies für mich als Coach und Mentor noch keine psychische Erkrankung. Grundsätzlich sollte zuerst an der eigenen Persönlichkeit gearbeitet werden, doch da ist immer Eigenverantwortung gefragt. Wird dies aber unterlassen, so können durchaus psychische und psychosomatische Erkrankungen entstehen.

7. Welche Rolle spielen Arbeitgeber*innen im Zusammenhang mit dem Burn On Syndrom?

Der Arbeitgeber gestaltet in der Regel das Arbeitsumfeld, den Jobinhalt und die Abläufe, auf die Mitarbeitende meist wenig Einfluss haben. Im heutigen Arbeitsumfeld wird immer mehr Flexibilität und Leistung erwartet, denn in der Organisation wurden viele Rollen aufgehoben oder zusammengelegt – das heißt, viele Arbeiten wurden vom verbleibenden Personal übernommen. Die Antwort heißt dann: Es geht ja doch trotz weniger Personal.

Doch der Preis ist hoch, wenn Mitarbeitende vermehrt ausfallen und bei Job-Abbau das Know-how verloren geht. Dadurch haben viele Mitarbeitende zusätzliche Aufgaben übernommen, die ihnen dann zu viel werden oder nicht zu ihren Veranlagungen passen – und sie schlussendlich überfordern. Als gute Arbeitnehmende haben sie Angst vor Entlassung und halten trotzdem durch. Leider können diese Arbeitnehmer*innen über die Jahre dann ausbrennen. Besser wäre es, wenn die Arbeitgeber*innen bei der Neu-Organisation darauf achten, dass jede/r Mitarbeiter*in die Aufgaben bekommt, in denen er oder sie die besten Leistungen erbringen kann. Das führt dann zu einer win-win-win Situation für Unternehmen, Mitarbeitende sowie den Staat.

8. Gibt es Tests, mit denen ich erkenne, ob ich unter dem Burn-On-Syndrom leide?

Da es sich mit Burn-on um etwas ganz Neues handelt, wird es kaum oder nur wenige Tests geben. Meine Erfahrung zeigt, dass es einen einfachen Test gibt und dies ist gleichzeitig auch eine sehr wertvolle Maßnahme: Raus aus der Hektik und rein in die Ruhe. Wer sich keine halbe oder ganze Stunde pro Woche ohne Ablenkung für sich Zeit nehmen kann, hat möglicherweise seine Prioritäten falsch gesetzt und könnte gefährdet sein. Ideal ist es, sich täglich 10-20 Minuten für sich selbst Zeit zu nehmen, um die Gedanken in die Herzregion wandern zu lassen, dort hineinzuhören und zu verweilen. Das kann Wunder wirken.

9. Wie entkommt man der Spirale des Burn-on Syndroms?

Vielleicht muss man zuerst fragen: Wie ist es zur Burn-on-Situation gekommen? Oft spielen viele Faktoren eine wichtige Rolle und es gibt kein allgemeingültiges Rezept. Grundsätzlich können wir diese Faktoren in innere Faktoren (Persönlichkeit) und äußere Faktoren (Umfeld) unterteilen. Die Maßnahmen, dem Burn-on-Syndrom zu entkommen, sind nahezu identisch zum Burn-out, wobei die Betroffenen hier noch mehr Kraft haben. Es wäre ratsam, die verbleibenden Kräfte für diese Maßnahmen zu nutzen, anstelle im Hamsterrad weiterzudrehen.

10. Was raten sie Burn-on-Erkrankten?

Das kommt auf die einzelne Person an, deren Persönlichkeit, die Möglichkeiten im Umfeld sowie ihre Perspektiven im Unternehmen. Manchmal genügt schon ein gutes Gespräch mit dem oder der Vorgesetzten oder der Personalabteilung. Ein gutes Familien- oder Freundesumfeld ist sicher stützend, wenn viel Arbeit ansteht. Ich habe gesehen und auch selbst erlebt, dass die meisten Workaholics ihre Situation wahrnehmen, aber nicht in der Lage sind, passende Maßnahmen zu ergreifen. Heute weiß ich, dass Themen wie fehlender Selbstwert und Selbstliebe, Blockaden und Glaubenssätze zu den wahren Antreibern gehören. Diesen Themen gehen wir in meinen Coaching & Mentoring-Programmen auf den Grund. Alternativ würden klärende Gespräche mit einem Coach oder Therapeuten bestimmt einiges klären. Die Umsetzung müsste idealerweise zeitnah sein und wenn erforderlich auch Menschen im Umfeld einbeziehen.

11. Kann ein Jobwechsel helfen?

Manchmal ist es so, dass wir trotz Jobwechsel wieder mit den gleichen Herausforderungen konfrontiert sind, denn wir nehmen ja unsere Persönlichkeit mit. Deshalb würde ich zuerst im Inneren beginnen und danach überprüfen, ob ein Jobwechsel notwendig ist.

12. Wie können Freund*innen einer eventuell erkrankten Person ihren Verdacht sensibel äußern?

Bei einem/einer guten Freund*in wären Fragen angebracht wie zum Beispiel: "Weshalb denkst du, so viel arbeiten zu müssen?“, "Könntest du nicht etwas abgeben oder delegieren“ oder "Welche Möglichkeiten gibt es, deine xy-Arbeiten anders zu priorisieren?“ In meinem Coaching wende ich auch tiefgreifendere Fragen an, welche in andere Lebensbereiche wie Beziehungen und Selbstwert übergehen können.

13. In skandinavischen Ländern ist es üblich, stolz darauf zu sein, pünktlich Feierabend zu machen. Dort prahlen die wenigsten damit, wie wenig sie geschlafen oder wie viel sie gearbeitet haben. Wie könnten auch wir eine solche Einstellung verinnerlichen und uns so vor der Überarbeitung schützen?

Wir können davon bestimmt das eine oder andere lernen und mitnehmen. Unsere Werte wie zum Beispiel "Leistung erbringen" oder "Perfekt sein" sind in Skandinavien bestimmt weiter unten auf der Skala positioniert. Laut einer regelmäßig durchgeführten OECD-Studie haben auch die südeuropäischen Länder auf der anderen Seite eine höhere Lebens-Zufriedenheit und tiefere Burn-out-Rate. Um bei uns in Deutschland diese Werte neu zu ordnen, müssten wir beispielsweise den Glaubenssatz "Zuerst die Arbeit, dann das Vergnügen" über Bord werfen. So entsteht mehr Lebensqualität.

14. Welches Motto wäre stattdessen passender?

Für mich haben die Menschen eine hohe "Life Performance", die in ihrer Berufung und in wirklicher Balance leben. Bei der Life Performance geht es darum, dass jeder Mensch selbst als Regisseur auf der eigenen Lebensbühne steht und das eigene Leben in Selbstverantwortung führt. Hilfreiche Ansätze, um sich von einer Überarbeitung zu schützen, sind beispielsweise: "Nichts muss, alles kann", "Mut zur Lücke statt Perfektionismus", "Ich bin gut genug, auch wenn ich nicht alles kann" oder "Ich darf Nein sagen". Dabei muss man sich aber bewusst sein, dass diese innere Umstellung auch seine Zeit braucht. Aus der Neurologie wissen wir, dass man für den Gedankenwandel rund 30 Tage "trainieren" sollte. Also, sei fair zu dir und gönne dir rund 30 Tage, um neue Einstellungen anzutrainieren.

Christian Rupp bietet Coaching & Mentoring Programme im ganzen deutschsprachigen Raum an. Die Themen, Programme und Tools sind dabei extra auf diese herausfordernden Zeiten ausgerichtet. Die Coachings finden orts- und zeitunabhängig digital oder auch persönlich in 1:1-Gesprächen statt. Weitere Informationen findest du hier.

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