Therapie: Das denkt eine Therapeutin wirklich über ihre Patienten - Interview

Mental Health Week: Das denkt eine Therapeutin wirklich über ihre Patient*innen - Interview

Was denkt eine Therapeutin während der Therapiesitzung und wie kommt man zum Beruf? Psychotherapeutin Anke Glaßmeyer (34) liefert im Interview Antworten.

Das denkt eine Therapeutin wirklich über ihre Patienten
© Unsplash
Wie arbeitet eine Therapeutin? Psychotherapeutin Anke Glaßmeyer gibt in unserem Interview einen Einblick.

Am 10. Oktober 2021 findet der Welttag für psychische Gesundheit, der #MentalHealthDay, statt. Besonders an diesem Tag und in der Woche davor, der Mental Health Week, soll der Fokus auf der Entstigmatisierung und Normalisierung von mentaler Gesundheit, psychischen Erkrankungen und einem bewusst liebevollen Umgang mit sich selbst liegen. Auf jolie.de findet ihr diese Woche aus diesem Anlass Texte rund um Selbstliebe, mentales Wohlbefinden und Psychotherapie.

Anke Glaßmeyer ist Psychotherapeutin. Auf Instagram arbeitet sie als @diepsychotherapeutin aktiv dran, das Tabuthema Therapie zu brechen und für mehr Aufklärung zu sorgen. Doch was denkt sich eine Therapeutin, während man ihr das Herz ausschüttet und wie kommt man überhaupt zum Beruf? Wir haben die wichtigsten Fragen im Interview geklärt.

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1. Frau Glaßmeyer, wie viele Patient*innen haben sie aktuell?

Ich behandle in meiner Praxis aktuell 24 Patient*innen. Ich behandle 6 Patient*innen pro Tag – mehr wäre auch zu viel. Zusätzlich biete ich für 5-10 Patient*innen eine Onlineberatung per Videosprechstunde an.

2. Wie lange dauern die Sitzungen und wie bereiten Sie sich darauf vor?

Eine Sitzung dauert 50 Minuten. Ich fange erst um 11 Uhr an, gehe vorher eine Runde spazieren und bereite mich vor. Dann behandle ich von 11-13 Uhr und von 15-19 Uhr. Die zwei Stunden Mittagspause brauche ich auch, damit es nicht zu viel wird. Man muss bei diesem Job auch auf seine eigene Psyche aufpassen. 

3. Woran liegt es, dass es so wenig Therapieplätze und lange Wartezeiten gibt?

1999 gab es das Psychotherapeutengesetz. Da wurde geschaut, wie viele Therapeut*innen eine Praxis haben und diese haben dann einen Kassensitz bekommen. Nur mit Kassensitz darf man über die gesetzlichen Krankenkassen abrechnen – ohne kann man nur mit Privatpatient*innen oder Selbstzahler*innen arbeiten. Seitdem sind nur minimale Anzahlen an neuen Kassensitzen dazu gekommen. Die Therapeut*innen sind da, aber ohne Kassensitze wird es schwer, sie mit den bedürftigen Patient*innen zusammenzubringen.

4. Es kann sehr frustrierend sein, wenn man lange keine/n Therapeut*in findet. Was hilft dabei, nicht die Hoffnung zu verlieren? 

Man muss sich bewusst machen, dass es für alle schwierig ist und es nicht an einem persönlich liegt. Manchmal passt auch die Chemie zwischen Patient*in und Therapeut*in nicht – wenn ich als Therapeutin merke, dass ich nicht optimal für die Bedürfnisse des/der Patient*in ausgebildet bin, dann verpflichtet mich die Berufsordnung dazu, ihn oder sie weiterzuverweisen. Therapeut*innen meinen es nicht böse oder persönlich, wenn sie eine/n Patient*in ablehnen.

5. Wer überlegt, eine Therapie zu machen, hat auch Zweifel, wie etwa: “Ich habe keine Depression, also ist mein Problem unwichtig und ich will niemandem einen Platz wegnehmen.” 

Leid ist immer subjektiv. Es gibt immer Gründe für die Beschwerden und jeder hat das Recht dazu, sich Hilfe zu holen. Nur weil ich jetzt nicht zur Therapie gehe, heißt das ja nicht, dass jemand anderes automatisch einen Platz bekommt. Man muss sich bewusst machen: Ich habe das Recht auf Hilfe, es ist meine Pflicht, mich um mich selbst zu kümmern. Wenn es ein körperliches Problem wäre, würde man ja auch zum Arzt gehen! Man muss sich keine Gedanken machen, dass man von der/dem Therapeut*in nicht ernst genommen wird – wir kennen die Symptome, wir wissen wie sie sich auswirken – und eben auch, wie man daran arbeitet.

6. Ein anderer Zweifel könnte lauten: “Wenn ich zur Therapeut*in gehe und von meinem Problem erzähle, denkt er oder sie bestimmt, ich spinne und übertreibe.” 

Diesen Gedanken hatte ich noch nie. Es gibt ja immer Gründe für die Symptome des/der Patient*in. Es ist wichtig, dass man sich um sich selbst kümmert. Das versuche ich meinen Patient*innen vorzuleben und nehme sie immer ernst.

7. Wie trennen Sie ihre persönliche Meinung von ihrer Arbeit?

Das ist natürlich nicht immer leicht. Aber in der Sitzung wollen wir ja gemeinsam mit dem/der Patient*in, Lösungen für den/die Patient*in erarbeiten – nicht für mich. Meine Meinung ist da nicht wichtig, denn diese würde ja nur für mein Leben passen. Ich möchte meinen Patient*innen meine Meinung nicht überstülpen und das darf ich auch gar nicht. Ich unterstütze sie dabei, ihre eigene Sichtweise zu finden.

8. Gibt es Störungsbilder, die Sie lieber behandeln als andere?

Nein, denn ich behandle ja nicht die Störung, sondern den Menschen. Es gibt natürlich Störungen, die herausfordernder sind, als andere. Aber das macht meinen Beruf so spannend, da ich von jedem/jeder Patient*in etwas Neues lernen kann. Es gibt aber auch Störungsbilder, die ich nicht behandle, weil ich mich dafür nicht ausgebildet genug fühle und wo es meine Pflicht ist, den/die Patient*in weiterzuverweisen.

9. Waren Sie selbst schon mal in Therapie?

Ja, war ich. Ich habe einen 20 Jahre langen Kampf mit einer Essstörung hinter mir – deshalb behandle ich auch selbst keine Essstörungen, da das einfach zu nah an meiner eigenen Thematik dran ist. Da gehe ich auch ganz offen mit um, denn ich kann von meinen Patient*innen ja nicht erwarten, dass sie in ihrem Umfeld offen mit ihrer Erkrankung umgehen und zur Entstigmatisierung beitragen, aber es selbst nicht vorleben. Auch in der psychotherapeutischen Ausbildung muss man Selbsterfahrung absolvieren – sowohl in Einzel- als auch Gruppensitzungen.

10. Gibt es Themen, die man NICHT mit einem/einer Therapeut*in besprechen sollte?

In der Therapie gibt es keine Tabus. Die Therapie sollte ein sicherer Ort sein, wo man alle Dinge besprechen kann. Hier kann man auch Dinge erzählen, für die man sich schämt – der/die Therapeut*in verurteilt nicht. Oft denken Leute zum Beispiel, man darf nicht über Suizid-Gedanken sprechen, sonst wird man sofort eingewiesen – das ist absolut nicht so! Erst wenn man darüber spricht, kann man daran arbeiten.

11. Sind Ihnen manche Themen unangenehm? 

Ich bin offen für alle Themen meiner Patient*innen und denke da nicht an mich. Ich muss ja nicht über meine Themen sprechen, das wäre mir vielleicht eher unangenehm.

12. Bleiben Sie auch manchmal nach einer abgeschlossenen Therapie in Kontakt mit ihren Patient*innen?

Manche Patient*innen melden sich ab und zu bei mir. Ich melde mich nicht von mir aus, aber manchmal schreiben sie mir ein Update, rufen kurz an oder schicken eine Postkarte. Das freut mich auch sehr, zu sehen, wie es bei den Menschen weiter geht.

13. Was mögen Sie an ihrem Beruf am meisten?

Die Psychotherapie ist mein Berufswunsch geworden, weil ich mit 11 Jahren wegen meiner Essstörung in die Klinik gekommen bin und dort eine sehr negative therapeutische Erfahrung gemacht habe. Da habe ich mir gedacht: Ich mach das anders. Ich mag es, den Menschen helfen zu können, mit ihnen Lösungen zu erarbeiten und ihnen zu helfen, sich neu kennenzulernen und Fortschritte zu machen.

14. Was mögen Sie nicht an Ihrem Beruf?

Die Bürokratie, die Abrechnungen, die Berichte, die Anträge bei der Krankenkasse. Den ganzen Papierkram eben.

15. Was sollte man über Therapie wissen?

Es ist eine Stärke, sich Hilfe zu suchen. Und man muss nicht am tiefsten Tiefpunkt sein, um Hilfe zu verdienen.

16. Was muss in unserer Gesellschaft noch passieren, damit Therapie akzeptiert wird?

Ich glaube, es ist ganz wichtig, dass man mehr darüber spricht. Es muss mehr Aufklärung und Entstigmatisierung geben. Man sollte keine Angst haben müssen, dem Chef zu sagen, dass man einmal die Woche früher gehen muss, um zur Therapie zu gehen. Therapie müsste auch ein Thema in den Schulen werden. Sie muss einfach gesellschaftsfähiger werden. 

Mehr Infos zu Anke Glaßmeyer findest du hier.

Wenn du auf der Suche nach eine/r Therapeut*in bist, findest du hier Infos und Hilfe:

Alle Fakten und Infos über Psychotherapie findest du in unserem Artikel: Was ist Psychotherapie? Infos, Fakten und Hilfe bei der Therapeut*innensuche

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