Ich habe auf Tinder die Liebe meines Lebens gefunden – mich!

- Von Tinder kann man halten, was man will. Der Konsens ist zwar, dass es auf Tinder einen riesigen Frosch-Überschuss und eine Märchenprinzen-Knappheit gibt. Dennoch hatte ich das Glück, auf Tinder die Liebe meines Lebens zu treffen – mich selbst!

Tinder App

Die Dating-App Tinder hat mir gelehrt, mich endlich selbst zu lieben

Schon immer ist es mir schwer gefallen, auf Leute zuzugehen und neue Freundschaften zu schließen. Ich war nämlich ein einsames Kind und ein noch einsamerer Teenager. Zu groß war meine soziale Phobie, meine lähmende Angst davor, zurückgewiesen zu werden. Dazu kam auch noch mein Selbsthass. Ich habe mich als irrelevant und überflüssig gesehen, konnte mir nicht vorstellen, dass meine Stimme Gehör verdient hätte oder dass meine Anwesenheit eine Berechtigung hätte. Dunkle Gedanken haben mir eingeredet, dass ich nichts wert bin und nie etwas wert sein würde. Gedanken wie diese quälen mich heute nicht mehr, wofür ich ausschließlich Tinder zu danken habe.

Wenn ich heute an die Person denke, die ich damals war, wundert es mich, dass ich mich überhaupt getraut habe, Tinder auf meinem Handy zu installieren. Aus Neugier auf die App, über die damals wirklich JEDER gesprochen hat, habe ich es trotzdem getan – zum Glück! Bei jedem "It’s a Match“ ist mein Herz fast stehen geblieben und private Nachrichten konnte ich vor lauter Nervosität (und Ungläubigkeit) gar nicht erst öffnen.

Irgendwie und irgendwann habe ich diese Bedenken dann beiseite geworfen und mich auf mein erstes Date gewagt  – leider ein Reinfall. Und auch das zweite und dritte Date waren schrecklich unangenehm. Zwischen Date Nummer Vier und dem ersten One Night Stand verwandelte ich mich jedoch in einen Serial-Dater und verabredete mich schließlich fast täglich. Ich hatte auf einmal Spaß dabei, egal wie langweilig die "Netflix & Chill“-Abende auch waren.

Durch Tinder habe ich viele Menschen (sprich: Männer) kennengelernt und mehr Frösche geküsst, als ich jemals offen zugeben würde. Ich war süchtig nach Dates und nach der Suche nach der großen Liebe … die ich schließlich auch fand. Aber damit meine ich keine meiner Errungenschaften, sondern mich selbst. Denn Tinder hat mir beigebracht, mich selbst zu lieben. Tinder hat mir dabei geholfen, die dekonstruktiven Gedanken in meinem Kopf durch positivere Gedanken zu ersetzen. Ich habe durch Tinder gelernt, dass mein Selbsthass nicht gerechtfertigt war. Da draußen fand man mein Foto schön, meine Bio cool oder meine Messages so lustig, dass man mich unbedingt treffen wollte, wow! Nach all den schrecklichen, unangenehmen, langweiligen, lustigen, schönen, emotionalen ersten Dates habe ich meine soziale Phobie abgelegt und kann jetzt viel offener und selbstbewusster auf Menschen zugehen.

Ich sage nicht, dass jeder, der unter sozialer Phobie leidet oder Selbstwertprobleme hat, durch Tinder kuriert wird. Denn ein gesundes Selbstbewusstsein erhält man nicht durch eine Dating-App oder die Bestätigung von anderen. Was mir damals so geholfen hat, war meine Selbstüberwindung. Dass ich mich trotz aller Selbstzweifel, Selbsthass und Angst vor Zurückweisung dem Urteil anderer gestellt habe und mich auf Dates verabredet habe. Meine Ängste überwunden zu haben hat in mir eine neue, gesunde Bewunderung für mich selbst geweckt, die es mir heute erlaubt, glücklicher und geliebter durch die Welt zu gehen. Selbst wenn mich sonst keiner lieben würde, kann ich heute sagen: Ich liebe mich selbst! Endlich.