Steht uns eine sexuelle Revolution bevor?

- Bisher kannten wir unser "normales" Sexleben doch eigentlich aus dem Schlafzimmer: mit dem Partner, ganz intim. Doch Autorin und Sextherapeutin Heike Melzer sieht eine sexuelle Revolution kommen. Oder ist sie schon eingetreten?

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Ist die sexuelle Revolution schon eingetreten?

In ihrem neuen Buch "Scharfstellung: Die neue sexuelle Revolution" stellt Dr. med. Heike Melzer Themen vor, die uns zum Nachdenken bringen, was unser Sexleben betrifft: Wie hat es sich in den Jahren verändert? Denn Faktoren wie Netzpornos, Sex-Toys, Dating-Apps und käuflicher Sex beeinflussen eine Partnerschaft und das Sexleben immer mehr.

"Sex geht heute auch ohne Partner! Das ist zumindest eine der Entwicklungen, die Heike Melzer täglich in ihrer Praxis beobachtet. Denn dank zahlreicher Portale und Apps kann jede Vorliebe rund um die Uhr befriedigt werden. Intimität und Sexualität entkoppeln sich nach und nach von der Partnerschaft. Dies und die rasant wachsende Pornoindustrie bleiben nicht ohne Folgen für Beziehung, Privat- sowie Arbeitsleben." So heißt es im Klapptext des Buches. Partner befriedigen sich immer öfter allein. Mit Hilfe von Pornos (häufig bei Männern) oder bei den Frauen sind es die Sex-Toys. Warum? "Wenn der Mann noch abends durch seine Mails geht und keine Zeit hat, mit der Frau intim zu werden, schnappt sie sich eben ein Sex-Toy und kommt damit schnell und oft garantiert zum Orgasmus", sagt die Sextherapeutin. Währenddessen schaut sich der Partner Pornos an und befriedigt sich ebenfalls selbst.

Einige Entwicklungen können problematisch werden

Die Folge: Man entfernt sich immer weiter vom gemeinsamen Sexleben, wenn diese "Ausflüchte" die Regel werden. Und: "Wenn man regelmäßig Pornos schaut ist das wie mit dem Weg zur Alkoholabhängigkeit: Erst ist es nur ein Glas am Abend, dann wird es immer mehr und immer härterer Alkohol. So sucht man sich bei einer Pornosucht dann auch immer abgefahrenere Sachen, um die Lust zu stillen", erklärt Heike Melzer. Dass man dann beim "normalen" Sex im Schlafzimmer mit dem Partner/der Partnerin diese Fantasien nicht erfüllen kann, ist klar. Ähnlich bei der Selbstbefriedigung, zum Beispiel durch Sex-Toys: Befriedigt man sich mehrmals am Tag oder sehr regelmäßig, wird es nicht leichter, durch Sex zum Orgasmus zu kommen und man ist am Ende nicht mehr sensitiv für natürliche Sexreize. "Heute ist es oft so, dass man sich von seinem Trieb leiten lässt. Sie führen bei einigen Menschen schon fast ein Eigenleben", sagt Heike Melzer.

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Sie bewertet diese Entwicklungen in ihrem Buch aber nicht. "Das ist erst mal weder positiv noch negativ", sagt sie. So können Sex-Toys zum Beispiel dabei helfen, dass Frauen, die nur klitoral zum Orgasmus kommen können, schnell befriedigt werden und durch Hilfsmittel, die man beim Sexakt integriert, auch "fertig werden". Oder dass man sich mal Anregungen aus Pornos holt, um wieder Schwung ins Bett zu bringen.

Gibt es eine Lösung?

Aber: Problematisch wird die Entwicklung, wenn man Sex-Toys und Co. nicht mehr nur als Genussmittel in Maßen, sondern regelmäßig allein verwendet: "Wenn man sich schlecht fühlt, mal einsam ist oder einfach nicht mehr davon loskommt." Wenn also die Beziehungskorrelation völlig verloren geht. Um diesem Auseinandertreiben und den Gefahren einer Sucht (ob eine Porno- oder auch Sexsucht) entgegenzuwirken, rät Heike Melzer: "Wir haben eine neue Freiheit bekommen, mit der wir lernen müssen umzugehen." Dafür müsse man erst mal sein eigenes Profil verstehen und sich klar werden, was man möchte. Dazu müsse man dann auch offen stehen. Möchte man beim Sex zum Beispiel auch klitoral stimuliert werden, solle man das ansprechen. Ist einem der gemeinsame Akt und die Nähe wichtiger als der Orgasmus, ist das auch vollkommen okay. Hauptsache man spricht seine Wünsche offen an.

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Die Autorin sagt weiter: "Es gibt beim Sexleben kein Schwarz oder Weiß, sondern es geht um ein gesundes Sexleben. Und das kann überall anders sein." Wichtig sei nur, dass man sich Grenzen setzt. Man müsse ja nicht alle Möglichkeiten weglassen. Sondern sich an den "Vertrag" halten, den man mit seinem Partner ausgemacht hat. "Es braucht einfach eine identische Idee, wo man unterwegs sein möchte. Geht diese Vorstellung zu weit auseinander, wird es schwierig. Und man muss sich schon entscheiden: Welches Beziehungsmodell möchte ich für mich?" Um die Liebe macht sich die Expertin aber keine Sorgen: "Die Liebe wird nicht sterben. Sie muss sich nur neu positionieren. Liebe braucht Nähe, Erotik braucht Abstand." Wir müssen also Nähe zulassen, über Wünsche sprechen, gemeinsame Vorstellungen unseres Sexlebens haben und weniger Ausflüchte machen, um wieder mehr zueinander zu finden. Und gemeinsam ist es am Ende doch am schönsten!

Seid ihr selbst von Porno- oder Sexsucht betroffen oder kennt jemanden, um den ihr euch diesbezüglich Sorgen macht, findet ihr bei der Initiative "REBOOT-ME" Hilfe.

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