Therapie: Was passiert bei einer Therapie und wie fühlt sich das an? – Erfahrungsbericht

Mental Health Week: Was passiert bei einer Therapie und wie fühlt sich das an? – Erfahrungsbericht

In der Theorie klingt Psychotherapie wie eine gute Sache, doch wie fühlt es sich eigentlich an, eine Therapie zu machen? Ein Erfahrungsbericht.

Wie fühlt sich eine Therapie an?
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Wie fühlt es sich wirklich an, eine Therapie zu machen? Ein Erfahrungsbericht.

Am 10. Oktober 2021 findet der Welttag für psychische Gesundheit, der #MentalHealthDay, statt. Besonders an diesem Tag und in der Woche davor, der Mental Health Week, soll der Fokus auf der Entstigmatisierung und Normalisierung von mentaler Gesundheit, psychischen Erkrankungen und einem bewusst liebevollen Umgang mit sich selbst liegen. Auf jolie.de findet ihr diese Woche aus diesem Anlass Texte rund um Selbstliebe, mentales Wohlbefinden und Psychotherapie.

Zugegeben: Hätte man mir vor einem Jahr gesagt, dass ich einmal einen öffentlichen Text im Internet über meine Therapie schreiben würde, hätte ich wahrscheinlich vehement den Kopf geschüttelt. Mich öffentlich outen? Niemals! Denn: Psychotherapie ist in unserer heutigen Gesellschaft leider oft noch ein heikles Thema. Zwar wird mentale Gesundheit vor allem bei den Millennials immer mehr zum Thema und der Umgang mit einer psychischen Erkrankung hat mit Stars wie Lena Meyer-Landrut, Demi Lovato und auch Prinz Harry schon ein bekanntes Gesicht bekommen – komplett gesellschaftsfähig ist er allerdings noch nicht.

Doch mit jeder Geschichte, jeder Aufklärung und auch jedem Artikel wird das Stigma um Therapie etwas gebrochen. Und so kommt es nun, dass ich hier für Dich über meine Erfahrungen mit Therapie schreibe.

Achtung: Alles in diesem Text sind persönliche Eindrücke und nicht allgemeingültig für jede Therapie-Erfahrung!

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Wie bin ich zur Therapie gekommen?

Ich habe meine Therapie im Juli 2020 begonnen. Das war auf keinen Fall eine spontane Entscheidung, sondern ich hatte viel mehr schon seit einem Jahr mit dem Gedanken gespielt, eine Therapie zu beginnen. Das liegt daran, dass ich keine akuten Störungen oder Probleme habe, sondern viel mehr schon länger gemerkt hatte, dass ich einige Erfahrungen und Erlebnisse nicht zu 100% verarbeitet habe und da auch alleine nicht weiter komme. Ich würde mich selbst als reflektiert bezeichnen, doch mit manchen Themen kam ich einfach an meine Grenzen und auch Gespräche mit Freunden und Familie konnten diese Knoten nicht lösen.

Für mich war der Zeitpunkt im letzten Sommer auch passend, da ich gerade meine journalistische Ausbildung abgeschlossen und einen neuen Job begonnen hatte. "Alle Schäfchen im Trockenen", dachte ich mir und sah es so als einen guten Zeitpunkt, mich nun mal um die Baustellen im Kopf zu kümmern. Diese Einstellung war vielleicht etwas naiv von mir, denn wenn man vorhat, seine kompletten Glaubenssätze und Werte einmal ordentlich zu sortieren und zu verstehen, wie man tickt – dann wird das auch Auswirkungen auf das restliche Leben haben. Aber dazu später mehr.

Als ich mich nun für die Therapie entschieden hatte, hatte ich das Glück, dass ich relativ schnell über die Terminservicestelle eine wunderbare Therapeutin gefunden habe, bei der ich mich sofort sehr wohl gefühlt habe und es auch immer noch tue. Das geht leider nicht bei jedem so schnell – Tipps zur Therapeutensuche findest du in diesem Artikel: Was ist Psychotherapie? Infos, Fakten und Hilfe bei der Therapeut*innensuche.

Wie laufen die Therapiestunden ab?

Ich hatte wahrscheinlich die gleiche Vorstellung von einer Therapiestunde wie du: Man liegt auf einem Sofa, erzählt weinend, wo einem der Schuh drückt und der/die Therapeut*in macht sich Notizen und nickt wissend. Ich kann entwarnen: Das stimmt nur teilweise 😉 Meine Therapiestunden laufen im Sitzen ab, meine Therapeutin und ich sitzen uns gegenüber, manchmal notiert sie sich etwas. Die Stunde beginnt meistens damit, dass sie mich auffordernd ansieht und ich dann erzähle, was mir so einfällt. Das kann alles sein: Eine Realisation, die ich hatte, ein Austausch mit jemandem, ein Erlebnis oder einfach nur, was ich am Wochenende gemacht habe.

Geweint wird in den Therapiestunden auch (nur von meiner Seite, meine Therapeutin ist Profi), aber auch gelacht. Und einfach nur geredet. Eine Therapiestunde ist ein menschlicher Austausch – mal bekomme ich Fragen gestellt, manchmal stelle ich sie. Mal erzähle ich wie ein Wasserfall, manchmal schweigen wir für ein paar Minuten. Mal sind wir schon vor den 50 Minuten durch mit der Sitzung, manchmal könnte ich noch 20 Minuten überziehen.

Eine Sache haben allerdings fast alle Stunden gemeinsam: Ich beende sie immer mit einem neuen Ansatz, über den ich nachdenken muss. Das kann eine neue Erkenntnis sein, ein neuer Blickwinkel auf die Vergangenheit oder ein neuer Vorsatz für die Zukunft.

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Wie hat mein Umfeld reagiert?

Wie anfangs bereits erwähnt, hätte ich zu Beginn meiner Therapie auch nicht gedacht, dass ich mal so offen mit ihr umgehen werde. Das kommt einerseits daher, dass man in Deutschland über "so etwas lieber nicht spricht" und daran, dass man mir nicht "anmerkt", dass ich eine Therapie brauche. Ich habe keine Depression, ich habe einen tollen Freundeskreis, ich bekomme meinen Alltag auf die Reihe. Das war auch ein Grund, warum ich mir überlegt hatte, ob meine Problemchen vielleicht doch gar nicht so schlimm sind. Gibt ja schließlich Leute, die sind schlimmer dran! Aber: Darum geht es ja bei der Therapie nicht. Wenn ich mir den Arm brechen würde, würde ich ja auch nicht sagen: Oh, der da hat sich aber das Bein gebrochen, also so schlimm kann es bei mir ja nicht sein. Man ist es sich selbst schuldig, dass man seine Probleme – körperlich wie mental – ernst nimmt und daran arbeitet. Eine Therapie machen heißt nicht, dass man schwach ist oder sein Leben nicht auf die Reihe bekommt – im Gegenteil, es ist eine Stärke!

Und je mehr ich mir dessen bewusst geworden bin, umso weniger Angst hatte ich davor, meine Therapie mit meinem Umfeld zu kommunizieren. Ich kümmere mich um mich selbst – darauf bin ich stolz und muss mich nicht dafür schämen. Außerdem hatte ich eigentlich keine negative Reaktion auf meine Neuigkeit – vor allem bei den Menschen in meinem Alter gab es für das Thema Therapie großen Anklang! Fast jeder meiner Freunde, mit denen ich darüber gesprochen habe, war schon mal in Therapie, macht gerade selbst eine oder hat noch vor, eine zu machen. Man kann es Generationskrankheit nennen – ich sehe es eher als Generationsbewegung, die vorhat, aus alten Mustern auszubrechen.

Die einzigen zurückhaltenderen Reaktionen bekam ich von Menschen aus älteren Generationen – aber auch hier war es nie Spott oder Ärger, eher Sorge und auch Verwirrung. Aber durch ein offenes Gespräch konnte ich meinen Gesprächspartnern auch die meistens nehmen.

Was sind Vor- und Nachteile einer Therapie?

Ich bin der Meinung, dass man Therapie nicht so schwarz und weiß eingliedern kann, aber Folgendes fällt mir ein:

Nachteile

  1. Es wird wehtun. Wenn man verstehen will, warum man so ist, wie man ist, muss man tief gehen. Und das ist manchmal echt hart, tut weh, macht einen traurig und bringt einen zum Weinen.
  2. Alte Gewohnheiten werden nicht mehr so passen wie vorher. Das kann ein Beruf, ein Wohnort, ein Hobby oder auch eine Beziehung mit einem anderen Menschen sein: Wenn du dich veränderst, kann es sein, dass dein altes Leben nicht mehr zu dir passt.
  3. Neverending Story: Therapie ist nicht mit 5 Sitzungen erledigt, wie ein Besuch beim Krankengymnasten. Um wirklich etwas zu verändern, muss man dran bleiben und sich immer wieder mit unangenehmen Wahrheiten konfrontieren. Außerdem wirst du merken, dass deine Verhaltensmuster sich nie auf nur einen Lebensbereich beziehen – was in deiner Beziehung schwierig läuft, kann zum Beispiel auch Auswirkungen auf deinen Job haben.

Vorteile

  1. Verständnis: Durch eine Therapie lernt man zu verstehen, warum man wie auf Dinge reagiert, was die persönlichen Trigger sind und wie man sich selber im Weg steht – in allen Lebensbereichen. Und Einsicht ist bekanntlich der erste Weg zur Besserung!
  2. Neue Denkweisen, neue Strategien, neue Möglichkeiten, neue Gefühle: In einer Therapie lernt man, Dinge neu zu betrachten und das ist etwas sehr Spannendes und Schönes.
  3. Der wichtigste und beste aller Vorteile: Du lernst dich kennen. Du lernst, besser mit dir umzugehen. Und in Anbetracht der Tatsache, dass du mit dir noch bis an dein Lebensende zusammen sein wirst, ist das das Beste, was dir passieren kann.

Was kommt nach der Therapie?

Da ich mich noch "mittendrin" befinde, kann ich das leider nicht beantworten. Aber nach einem Jahr Therapiestunden würde ich sagen: Veränderung. In meinem letzten Jahr hat sich schon sehr viel für mich verändert – sowohl in äußeren Faktoren wie Beruf und Umfeld, als auch in mir selbst. Wie gesagt, eine Therapie läuft nicht einfach nebenbei und alles andere bleibt, wie es ist – sie verändert dich, deine Ansicht auf das Leben und wie du damit umgehst. Und das nach meiner Erfahrung absolut zum Positiven.

Ist man nach einer Therapie geheilt? Ich glaube nicht. Ich glaube eher, dass man durch die Therapie einen Werkzeugkasten bekommt, der die richtigen Tools und Lösungen für die eigenen Probleme beinhaltet. Den hatte man auch schon vor der Therapie, wusste aber vielleicht noch nicht, wie man ihn anwendet. Durch die Therapie lernt man, wie man mit den eigenen Emotionen umgeht – und kann dieses Wissen dann danach auch ohne therapeutische Begleitung anwenden.

Dieser Text soll nicht heißen, dass du jetzt auch sofort eine Therapie machen sollst. Vielleicht hast du kein Bedürfnis danach oder fühlst dich noch nicht bereit dazu – beides ist völlig in Ordnung! Vielmehr wollte ich hier zeigen, dass Therapie 1. etwas Gutes und 2. etwas Normales ist. Also ob mit oder ohne Therapie: Sei gut zu dir selbst – du hast es verdient. 💙

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