Alleinerziehende Mütter: Im Interview sprechen sie darüber wie es ist, doppelt stark zu sein

Alleinerziehende Mütter: Im Interview sprechen sie darüber wie es ist, doppelt stark zu sein

Bei einigen Frauen war es eine bewusste Entscheidung, andere wurden plötzlich von ihrem Partner sitzengelassen: Im Interview erzählen drei Mamas mit ehrlichen Worten aus ihrem Alltag.

Alleinerziehende Mutter mit Kind auf dem Arm
© Pexels
Alleinerziehende Mütter vollbringen jeden Tag eine Meisterleistung – doch wie schaffen sie das? Woher nehmen sie die Kraft? Wir haben uns mit drei Frauen unterhalten, die genau das durchleben. 

Alleinerziehende Mütter vollbringen für ihre Kinder jeden Tag eine Meisterleistung und vergessen sich schnell dabei. Wir hatten die Möglichkeit drei Frauen nach ihren persönlichen Erfahrungen, Herausforderungen und Träumen zu fragen. Diese drei Stimmen kommen auch anonym im Sammelband „Mama, Du bist nicht allein“ vor. Jetzt haben sie mit Jolie.de gesprochen.

Welche Gedanken gingen euch als erstes durch den Kopf, als ihr realisiert habt, dass ihr alleinerziehend seid?

Johanna: Ich war tieftraurig und wusste, dass eine verdammt harte Zeit vor mir liegt. Gleichzeitig war mir auch bewusst, dass mein Mann und ich auf keinen Fall so weiterleben können. Es gibt viele Paare, die sich zu früh trennen, aber wir sind zu lange zusammengeblieben. Die Trennung ging von mir aus, weil ich nicht wollte, dass meine Tochter mit zwei streitenden Eltern aufwächst. Und vor allem nicht mit dem falschen Rollenverständnis meines damaligen Mannes, nämlich, dass sich die Frau alleine um die Kindererziehung zu kümmern hat. Meine innere Stimme hat mir schon seit Jahren immer wieder gesagt: „Mensch, da stimmt doch was nicht“. Ich wusste insgeheim, dass dieser Mann falsch für mich war, daher ist mir eine große Last von der Seele gefallen, als ich mich getrennt habe. Trotz der Angst vor dem Unbekannten und der drohenden Einsamkeit war es eine große Erleichterung.

Toni: Bei mir war es genau umgekehrt: Die Trennung hat mir den Boden unter den Füßen weggerissen. Mein Freund hat unerwartet mit mir Schluss gemacht, als ich in der Küche stand und das Abendessen auf den Tisch gestellt habe. Ich habe absolut nicht damit gerechnet und dachte, mir fehlt die Luft zum Atmen. Es gab meiner Meinung nach keinen Grund und er hat nur gesagt, dass er sofort aus der Beziehung raus will. Ich dachte: Wie soll ich das alles nur schaffen? Von einen Tag auf den anderen stand ich mit einem Säugling alleine da. Das schlimmste daran war, dass ich mich in unserer Beziehung unglaublich geborgen und sicher gefühlt habe. Nach der Trennung habe ich sehr an mir und meinem Urteilsvermögen gezweifelt. Ich bin davon ausgegangen, dass wir ein Leben lang zusammenbleiben und habe nicht verstanden, wie zwei Menschen in einer Partnerschaft so unterschiedlich empfinden können. Es ging mir monatelang einfach nur miserabel. Und wir waren zwar noch nicht verheiratet, aber mit so einer Trennung fällt ein riesiges Konstrukt in sich zusammen: die gemeinsame Wohnung, Verträge, Zukunftspläne, der Wunsch nach einem weiteren Kind…


Wann habt ihr den Punkt erreicht, an dem ihr gesagt habt: „Ich bekomme es auch alleine hin“?

Valeria: Das war bei mir eher schwierig. Ich bin schon an der Frage verzweifelt, ob ich die Beziehung beenden soll oder nicht. Natürlich wollte ich meinem Sohn keine Trennung zumuten, er sollte ja in einer heilen Familie aufwachsen. Mein Mann und ich hatten gerade ein neues Haus gebaut und nach außen hin war alles perfekt. Aber eigentlich haben wir wie zwei WG-Mitbewohner zusammengelebt, mit unterschiedlichen Schlafzimmern und eigenen Fächern im Kühlschrank. Wenn der Kleine am Wochenende mal bei Oma war, dann sind wir unseren Hobbys nachgegangen – getrennt voneinander. Diese platonische Beziehung war zwar bequem, aber dann kam der Punkt, an dem ich dachte: Hey, nur weil du Mama bist, musst du nicht in einer Beziehung verweilen, die dich unglücklich macht. Ich habe gemerkt, dass ich mich aus der Partnerschaft lösen musste, weil ich abgesehen von meiner Mutterrolle noch was anderes war: eine Frau mit Wünschen, Bedürfnissen und Träumen. Nicht nur in körperlicher und sexueller Hinsicht. Der soziale Druck, den ich gespürt habe, sollte nicht darüber entscheiden, was für die Mutter eines kleinen Kindes noch angemessen ist – und was schon als egoistisch gilt. Also habe ich diese Entscheidung für mich selbst getroffen und ihn verlassen.
 

Johanna: Als Außenstehender denkt man: Warum spricht man als Paar nicht darüber, wenn man sich auseinanderlebt? Mein Mann und ich haben ebenfalls den Zeitpunkt verpasst, an dem aus zwei Liebespartnern gute Freunde geworden sind. Wir waren emotional schon so weit voneinander entfernt, dass ich die wichtigen Fragen nichtmal hätte stellen können: Was ist mit unserer Beziehung los? Wo stehen wir gerade? Was ist mit uns passiert? Wenn man jahrelang nebeneinanderher lebt, dann verliert man irgendwann die Muße, solche Fragen zu stellen. Es mag Paare geben, bei denen das für beide Seiten funktioniert, aber ich war todunglücklich. Im Urlaub hat es „Klick“ gemacht: Mein Mann war mir so fremd, dass es mich beinahe angewidert hat, seinen Rücken einzucremen. Das hört sich schlimm an, ich weiß, aber es war genau diese seltsame Situation, die ich gebraucht habe, um zu verstehen: So will ich nicht mehr leben. Ich hatte unsere Kinder vor der Trennung sowieso rund um die Uhr bei mir, also wusste ich, dass ich es mit meiner Mutter und meiner Schwester als alleinerziehende Mutter schaffen kann.

Wie habt ihr euren Kindern beigebracht, dass Papa zuhause auszieht?

Valeria: Ich glaube, ich bin hier die Einzige, die während der Trennung schon einen kleinen Jungen im Vorschulalter hatte. Mein Freund und ich waren damals bei einem Kinderpsychologen. Wir sollten Leon* nicht sagen, dass wir uns nicht mehr liebhaben. Der Psychologe meinte, dass Kinder solche Aussagen häufig damit gleichsetzen, dass die Liebe zu ihnen auch verschwindet. Wir haben es Leon* schonender beigebracht und gesagt: „Mama und Papa streiten zu viel. Auch wenn du es nicht hörst, Kleiner, wir streiten uns leise.“ Dann haben wir uns in den Arm genommen und gesagt, dass wir uns trotzdem alle liebhaben.

Als alleinerziehende Mutter habt ihr viele Hürden im Alltag zu meistern - Welche davon habt ihr überschätzt und welche unterschätzt?

Johanna: Für mich war es der absolute Horror. Man starrt auf diesen gigantischen Berg von To-Do‘s und hat keine Ahnung, womit man anfangen soll. Nach der Trennung musste ich mich als Mensch durch fünf teilen, und so geht das den meisten alleinerziehenden Müttern: Du willst eine liebevolle, aufmerksame Mama sein und deinen Kindern das Gefühl geben, dass auch ohne Papa alles läuft. Nebenbei musst du den Haushalt schmeißen, Essen kochen, Arzttermine vereinbaren, in den Supermarkt hetzen, einen Kita-Platz suchen, Rechnungen bezahlen, Wäsche waschen… und du kannst das schreiende Kind nicht eben deinem Partner in den Arm drücken, wenn etwas Unvorhergesehenes passiert. Ich musste im ersten Jahr nachts weinen, wenn die Kinder geschlafen haben, weil mich diese neue Aufgabe überwältigt hat.

Toni: Ich habe meine emotionalen Verletzungen total unterschätzt. Im Nachhinein sehe ich, dass ich nach der Trennung innerlich taub war, weil ich keine Zeit dazu hatte, mich mit meinen Gefühlen auseinanderzusetzen. Nach dem Schlussstrich hast du keine Zeit dazu, die Trennung zu verarbeiten, weil du dich schlichtweg um deine Kinder kümmern musst. Meine Trennung ist mittlerweile sieben Jahre her und ich bin wieder glücklich vergeben, aber ich habe vor einigen Monaten mit einer Therapie angefangen, um meine Ex-Beziehung zu verarbeiten. Ich habe über die Jahre hinweg gemerkt, wie tief die alten Wunden tatsächlich sind.

Es ist total in Ordnung sich selbst einzugestehen, dass es für eine alleinerziehende Mama auch mal zu viel im Alltag werden kann. Aber wieso haben Frauen nach wie vor Angst davor, sich zu öffnen und darüber mit Freunden und der Familie zu sprechen?

Johanna: Weil man als alleinerziehende Mutter eine Zielscheibe ist, unabhängig davon, wie sehr man sich bemüht. Wenn etwas nicht perfekt läuft, dann wird man sofort mit Studien oder persönlichen Anekdoten kleingeredet. Die Gesellschaft rümpft gerne die Nase über Alleinerziehende. Sobald man sich öffnet, macht man sich noch angreifbarer, und alleinerziehende Mütter stehen auf der Rabenmutter-Liste sowieso schon ganz, ganz weit oben. In meinem Leben wäre vieles einfacher, wenn diese Besserwisser einfach mal den Mund halten würden.

Toni: Ich glaube, das gilt nicht nur für Alleinerziehende. Als Mutter hast du jeden Tag unzählige To-Dos und bist andauernd mit neuen Situationen konfrontiert. Es ist nicht immer leicht, Mama zu sein, und wenn dich auf Social Media die Super-Mamis anlachen, dann fühlst du dich einfach schlecht. Schlecht, wie eine schlechte Mutter, schlechte Freundin, schlechte Partnerin, schlechte Kollegin oder schlechte Nachbarin. Du fragst dich: „Was mache ich falsch? Bin ich die Einzige, bei der es nicht so blitzeblank aussieht, sondern total chaotisch?“ Nein, bin ich nicht! Jede Mutter auf dieser Welt kennt anstrengende Tage, an denen die Nerven blank liegen, und das ist ganz normal.

Ab wann ist man bereit, eine neue Partnerschaft einzugehen?

Valeria: Ich war relativ schnell dazu bereit, weil die Trennung von mir aus ging. Allerdings musste ich feststellen, dass viele Männer beim Dating vor einem Kind zurückschrecken. In meinem Dating-Profil habe ich – auch aus Sicherheitsgründen – nicht angegeben, dass ich einen Sohn habe. Ich will die Männer erstmal kennenlernen, bevor ich sowas Intimes preisgebe. Die Männer, die ich dann gedatet habe, waren extrem überrascht, teilweise sogar schockiert. Und sogar Männer, die einen starken Kinderwunsch hatten, haben mir ins Gesicht gesagt, dass sie das Kind lieber selbst zeugen wollen. Ich dachte dann: In welchem Jahrhundert leben wir eigentlich? Nur ein einziger Mann hat beim zweiten Date gesagt: „Ach, das macht mir nichts aus! Ich mag Kinder.“


Toni: Ich finde es auch schade, dass man als alleinerziehende Mutter immer darauf hoffen muss, dass der Mann nicht gleich davonrennt. Wenn ich jemanden gefunden habe, muss ich den Zeitpunkt festlegen, wann die beiden sich kennenlernen. Nach einem Monat? Oder erst nach sechs Monaten? Natürlich will ich das Treffen nicht arrangieren, wenn ich nicht weiß, wohin die Beziehung führt. Andererseits kann ich mich in der neuen Beziehung nur öffnen, wenn sich der Mann mit meinem Kind versteht und ich ein gutes Gefühl habe. Das ist die Voraussetzung, mein Kind muss glücklich sein. Das Timing ist eine schwierige Frage…

Eine Trennung ist oft mit Schmerz und Trauer verbunden, aber kann auch positive Seiten haben. Habt ihr motivierende Worte für Frauen und Mütter, die es gerade lesen und sich in einer ähnlichen Situation befinden?

Toni: Mich stört das Stigma der alleinerziehenden Mutter, die völlig schwach und überfordert ist. Ich bin eine liebevolle alleinerziehende Mama. Ich bin wach, aktiv und stehe mit beiden Beinen im Leben. Wenn ich darüber nachdenke, wurde ich aus einem traurigen Traum rausgerissen und in ein anderes Leben reingeworfen. Auch wenn ich viel gekämpft und geweint habe, kann ich ganz ehrlich sagen, dass ich mich damals in meiner Beziehung nie so lebendig gefühlt habe wie heute. Obwohl ich in den ersten Monaten nach der Trennung nicht wusste, woher ich meine Energie nehmen sollte, habe ich neue Kräfte entwickelt.

Johanna: Im Endeffekt muss sich jede Mama auf sich selbst verlassen können, ganz egal, ob sie verheiratet, getrennt, berufstätig oder zuhause ist. Man hat nie die hundertprozentige Sicherheit, dass alles so bleibt, wie es gerade ist. Seit meiner Trennung weiß ich, dass ich es selbst schaffen kann: Ich biete meinem Nachwuchs ein schönes Zuhause und habe ein Leben, in dem ich mich wohlfühle. Dazu kann ich allen Mamas ans Herz legen, mal mit einem Therapeuten zu sprechen. Man lernt, seine Vergangenheit zu verarbeiten und sich zu vergeben. Man geht leichter durchs Leben und versteht, warum die Dinge so geschehen sind und welche Lektionen sich daraus ergeben haben. Es tut ganz gut, mal über die vergangenen Jahre zu sprechen und alte Wunden heilen zu lassen. Mein nächster Tipp: Liebe Mama, lass dir von deinen Mitmenschen helfen und traue dich, proaktiv danach zu fragen. Ich sage immer mit einem Augenzwinkern: Es heißt allein-erziehend, nicht einsam-erziehend. Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit. Wir müssen darüber sprechen, womit wir Mütter uns wirklich herumschlagen. In der echten Welt, ohne Filter und ohne Tabus.

Valeria: Mein Tipp lautet: Sobald du weißt, was du im Leben nicht willst, schärft sich dein Blick dafür, was du wirklich willst! Ich persönlich würde zum Beispiel kein zweites Date mit einem Mann vereinbaren, der keine sportlichen Interessen hat und seine Wochenenden lieber auf der Couch verbringt. Ich brauche jemanden, der mit mir rausgeht: in die Altstadt, in neue Restaurants oder in die Berge… vielleicht kommt dieser Mann in ein paar Wochen, vielleicht auch erst in ein paar Jahren. Bis dahin kann ich meinen eigenen Träumen nachgehen, wenn der Kleine am Wochenende beim Papa ist. Das wäre auch mein Rat: Mamas, glaubt an eure eigenen Träume und macht euch bewusst, was ihr alles wuppt. Ihr könnt jetzt Dinge erreichen, die euch vor kurzer Zeit noch unmöglich erschienen sind.

Die Namen der alleinerziehenden Mütter wurden geändert. Sie gehören mitunter zu den Frauen, die im Sammelband "Mama, Du bist nicht allein" aus ihrem Alltag erzählen. Die wahren Kurzgeschichten im Buch stammen von alleinerziehenden Müttern und auch von Müttern in Partnerschaften.

Buch Mama, du bist nicht allein
© Andrea Bruchwitz
„Mama, Du bist nicht allein“ von Andrea Bruchwitz, bei Amazon erhältlich als Taschenbuch und als eBook. Die Botschaft dahinter: Du bist eine wundervolle Mutter, auch wenn nicht immer alles nach Plan verläuft.
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