Wincent Weiss: "Manchmal fühle ich mich wie ein Affe im Streichelzoo"

Wincent Weiss: "Manchmal fühle ich mich wie ein Affe im Streichelzoo"

Da soll mal einer sagen, deutscher Pop sei unauthentisch: Wincent Weiss ist in Interviews genauso ehrlich wie in seinen Songs. Kostprobe gefällig? Bekommt Ihr – im extended Interview mit JOLIE.

Wincent Weiss
© Marvin Ströter
Wir haben Wincent Weiss zum großen JOLIE Interview getroffen und haben so einige interessante Dinge über den Sänger erfahren können.

Wenn man sich mit Wincent Weiss unterhält, ist es ein bisschen so, wie wenn man bei einem Film mit der Fernbedienung nach vorne spult. In doppelter Geschwindigkeit sprudeln die Worte nur so aus ihm heraus. Bei einem Interview ist das Fluch und Segen zugleich: Auf der einen Seite ist das Transkribieren die Hölle. Auf der anderen Seite bekommt man Deutschlands größten Popstar ohne Filter zu hören. Der Sänger ist mit seinem 50 Jahre alten Oldtimer gerade auf dem Weg von Lübeck nach München, als wir ihn über Zoom erreichen. "Ich bin ein offenes Buch“, kündigt er an, seinen Kaffee von der Autobahn-Raststätte, an der er Pause macht, noch in der Hand.

Und tatsächlich: Für Wincent gibt es keine Tabuthemen. Dating-Life, Depressionen, die Schattenseiten des Erfolgs – nichts ist off-limits. Dass er, anders als viele seiner Kollegen, kein Blatt vor den Mund nimmt, hört man auch auf seinem neuen Album "Vielleicht Irgendwann" (ab sofort). Man merkt, dass jedes Wort von Herzen kommt. Er lebt die Geschichten, die er da in seinen Songs erzählt. Umso neugieriger sind wir natürlich auf die Hintergründe...

1. Würdest Du sagen, dass "Vielleicht Irgendwann" dein persönlichstes Album ist?

Ja, ich glaube schon. Diesmal geht es viel um meine persönlichen Erfahrungen und darum, wie ich mit dem Erfolg der letzten Jahre umgegangen bin.

2. Wie hat sich das ergeben?

Durch die Corona-Zeit hatte ich zum ersten Mal Zeit, zu reflektieren, was in den letzten fünf Jahren passiert ist. Dieser rasend schnelle Erfolg – das war ja kein gesundes Wachstum.

3. Was hast Du in dieser Zeit über Dich selbst gelernt?

Dass ich in einer depressiven Phase stecke und Hilfe brauche. Vorher habe ich immer alles in mich hineingefressen und versucht, die Dinge alleine zu verarbeiten. Irgendwann war es dann so, dass ich mich über nichts mehr gefreut habe und mich nichts mehr traurig gemacht hat. Meine Gefühle waren alle auf einer Ebene. Einmal hatte ich drei Tage frei und habe drei Tage lang das Bett nicht verlassen. Ich habe weder gegessen, noch getrunken. Als meine Mam mir dann sagte, dass sie mich nicht mehr wiedererkennt, wusste ich: Ich muss zur Therapie.

4. Inwiefern hat Dir die Therapie geholfen?

Ich habe gelernt, über meine Probleme zu reden. Nicht nur mit meinen Freunden, sondern generell. Dass man sofort alles bequatscht, was einen bedrückt.

5. Du gehst sehr offen mit dem Thema Depressionen um. Wieso ist Dir das so wichtig?

Ich will gerade den jungen Leuten damit Kraft geben und ihnen Mut machen, dass sie sich Hilfe suchen. Als ich zum ersten Mal öffentlich über meine Depressionen gesprochen habe, habe ich gemerkt, wie sehr das in Deutschland noch ein Tabuthema ist. "Wincent Weiss mit einem traurigen Geständnis: Er ist in Therapie gegangen", hieß es da in der Überschrift. Wieso sollte das ein trauriges Geständnis sein? Es ist doch etwas Gutes, dass ich mir Hilfe gesucht habe!

Wincent Weiss
© Christoph Köstlin

6. Du singst auf Deinem Album nicht nur über Deine Depressionen, sondern auch über die Schattenseiten des Erfolgs. Zum Beispiel im Song "Was habt ihr gedacht"…

Der Song soll nicht falsch ankommen: Ich bin für alles, was ich machen darf, unglaublich dankbar. Dieser Song ist eine Momentaufnahme. Es gibt eben Momente in meinem Leben, in denen ich mich eingeengt und nicht frei fühle. Zum Beispiel, wenn tausende Menschen mich anschreien und ein Foto mit mir machen möchten. Manchmal komme ich mir vor wie ein Affe im Streichelzoo, mit dem man machen kann, was man möchte, weil: Man hat ja den Eintritt gezahlt. Also muss der Affe auch funktionieren.

7. Dating stelle ich mir da schwierig vor…

Ist es auch. Sobald ich mit einer Frau in eine Bar gehe, gehen rechts und links die Handykameras hoch. Und Dating-Apps haben bei mir auch nicht funktioniert. Von Tinder wurde ich gesperrt, weil ich als Fake-Profil gemeldet wurde. Danach hat mir der offizielle Account von Tinder auf Instagram geschrieben und mir eine Premium-Mitgliedschaft angeboten. (lacht) In letzter Zeit habe ich mich eher auf mein Album konzentriert. Aber vielleicht probiere ich bald mal diese Spaziergang-Dates aus, die jetzt so angesagt sind.

8. Nervt Dich das, dass Du so eingeschränkt bist?

Ich möchte einfach die Chance haben, zu daten wie jeder andere auch. Ich bin ja auch nur ein normaler Mensch und sehe mich nicht als Promi. Aber dann gehe ich zum Beispiel mit meiner Schwester in einen Freizeitpark und schon heißt es, ich hätte eine neue Freundin. Dabei ist es meine Schwester! Ich habe mir überlegt, meine nächste Beziehung erst einmal für mich zu genießen, bevor sich andere Menschen einmischen können.

9. Wie ist es, als Person des öffentlichen Lebens neue Kontakte zu knüpfen?

Ich finde es schon schwierig. Mein Freundeskreis besteht hauptsächlich aus den Leuten, die ich von früher kenne. Und das sind die, die mir ehrliches Feedback geben. Die meisten anderen Freunde oder Bekanntschaften, die mittlerweile dazugekommen sind, sind immer so positiv und stimmen mir in allem zu, weil sie eben mit einem befreundet sein wollen. Aber das merkt man schon relativ schnell, finde ich.

10. Gibt es Momente, in denen Du Dir wünschst, nicht so bekannt zu sein?

Nein, ich würde nichts ändern wollen. Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht und ich darf Menschen glücklich machen. Das ist das Schönste an meinem Job. Ich war gerade zum Beispiel in einer Raststätte, da hat mich ein Vater angesprochen, ob er ein Foto für seine Tochter machen dürfe. Es hat mich gerade mal zehn Sekunden meines Lebens gekostet und ich konnte auf einmal zwei Menschen glücklich machen.

Interview: Selina Jüngling

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