Interview

Im Interview: KoRo-Gründerin Michelle Calios über ihren Mut, Hürden und das eigene Bauchgefühl

Mit dem Food-Start-up KoRo wurde sie erfolgreich, heute gibt sie als Business Angel ihr Know-how an andere Gründerinnen und Gründer weiter: Im Interview verrät uns Michelle Calios, was sie auf ihrem Weg heute anders gemacht hätte und ob eher der Kopf oder Bauch entscheidet.

Eine Frau mit schwarzen Haaren, einem schwarzen Blazer und weißer Hose sowie einer Brille mit auf die Hüfte gestemmten Armen.© Foto: Alicia Minkwitz
Michelle Calios ist Gründerin, Supply Chain Expertin und Business Angel.

Sie hat sich in einer harten und oft noch männerdominierten Wirtschaftswelt nicht nur behauptet, sondern zuerst als Co-Gründerin von KoRo und heute als gefragte Supply-Chain-Expertin einen echten Namen gemacht: Michelle Calios weiß genau, wie man Visionen in die Realität umsetzt. Doch damit nicht genug. Heute nutzt sie ihren Erfolg, um als Business Angel die nächste Generation von Gründerinnen aktiv zu pushen und aufs nächste Level zu heben. Zu ihren Partnerinnen und Partnern zählen zum Beispiel noola energy, the pickle company und nüchtern.

KoRo-Co-Gründerin Michelle Calios im Interview

Im Interview spricht sie über ihren eigenen Weg an die Spitze, die Hürden und Erfolge als Frau in der Business-Welt und wie sie heute als Investorin jungen Gründern und Gründerinnen nicht nur mit Kapital, sondern vor allem mit echtem Mentorat und strategischem Know-how zur Seite steht.

Jolie.de: Du bist die Co-Gründerin von KoRo. Wie hast du den Mut aufgebracht, ein Unternehmen zu gründen?

Michelle Calios: Ehrlich gesagt hatte ich weniger Mut als Naivität und rückblickend war das ein Geschenk. Ich habe Jura studiert, hatte nie eine Lieferkette gemanagt, nie verhandelt. Aber ich hatte eine Frage, die mich einfach nicht losließ: Warum gibt es bei haltbaren Lebensmitteln keine großen Gebinde? Ich habe einen Lieferanten gefunden und dann fing es an. Den echten Mut habe ich nicht am Anfang gebraucht, sondern in den Momenten, in denen es schwierig wurde und ich trotzdem weitergemacht habe.

Was waren Stolpersteine auf deinem Weg und wie bist du damit umgegangen?

Ich habe zu lange geglaubt, dass Vertrauen und Motivation allein reichen und zu spät Struktur geschaffen. Freiheit ohne Klarheit ist keine Freiheit, das ist Unsicherheit für das Team. Und ich habe Entscheidungen manchmal so lange abgewogen, bis sie zu spät kamen. Das war teuer – nicht finanziell, aber in Energie und Vertrauen. Heute weiß ich: Verantwortung bedeutet nicht, eine Entscheidung perfekt vorzubereiten. Sondern sie zum richtigen Zeitpunkt zu treffen.

Den echten Mut habe ich nicht am Anfang gebraucht, sondern in den Momenten, in denen es schwierig wurde und ich trotzdem weitergemacht habe.

Michelle Calios

Durch Social Media wirkt Gründen heute oft extrem glamourös. Welchen harten Reality-Check erlebt man als erstes, wenn man im echten Business-Alltag ankommt?

Der erste harte Moment war für mich: Wir sind gewachsen, von außen sah alles toll aus und dann saß ich in einem Meeting, in dem drei Abteilungen drei verschiedene Versionen derselben Zahl hatten. Drei Versionen. Derselben Zahl. Da wurde mir klar: Wachstum löst keine Probleme. Es macht sie sichtbarer. Energie ersetzt keine Struktur und das merkst du früher, als du denkst.

KoRo ist groß geworden, weil ihr Dinge radikal anders gemacht habt. Nach welchen „unvernünftigen“ oder unkonventionellen Eigenschaften suchst du heute bei Gründerinnen?

Ich suche nach Menschen, die Probleme benennen, bevor ich danach frage. Das zeigt mir: Die sind wirklich im Stoff. Und ich achte darauf, ob jemand Kritik wirklich annehmen kann. Nicht nicken und dann weitermachen wie vorher, sondern sich wirklich damit auseinandersetzen. Leidenschaft allein reicht nicht. Die besten, die ich kenne, kombinieren sie mit echter Lernbereitschaft. Sturheit ohne Reflexion ist für mich ein Ausschlusskriterium.

Würdest du heute in deiner Laufbahn etwas anders machen?

Ich würde mir früher sagen: Nimm dich selbst ernster! Nicht nur in dem, was du leistest, sondern auch in dem, was du fühlst. Und ich würde früher Strukturen aufbauen. Nicht um Menschen einzuschränken, sondern um ihnen Sicherheit zu geben. Das klingt unspektakulär. Aber fehlende Klarheit ist im Wachstum eine der teuersten Schwächen, die es gibt.

Leidenschaft allein reicht nicht. Sturheit ohne Reflexion ist für mich ein Ausschlusskriterium.

Michelle Calios

KoRo hat das Prinzip der maximalen Transparenz großgemacht. Wie transparent müssen Gründerinnen heute sein?

Bei KoRo war Transparenz nie Strategie, sie war Haltung. Preise erklären statt verstecken, Herkunft offenlegen, auch wenn es unbequem ist. Mein Maßstab heute: Würdest du das auch kommunizieren, wenn gerade etwas schief läuft? Wenn ja, ist es echte Transparenz. Wenn nicht, ist es nur gutes Wetter-Marketing.

Worauf achtest du als Business Angel mehr: Dein Bauchgefühl oder die harten Fakten?

Daten informieren, Bauchgefühl entscheidet. Aber, und das ist wichtig, nur dann, wenn das Bauchgefühl über Jahre mit echten Erfahrungen gefüllt wurde. Blindes Bauchgefühl ohne Datenbasis ist einfach nur teuer. Ich schaue zuerst: Kann ich hier wirklich etwas beitragen über Kapital hinaus? Wenn die Antwort nicht klar ist, investiere ich nicht.

Daten informieren, Bauchgefühl entscheidet.

Michelle Calios

Welchen Ratschlag aus deiner Anfangszeit würdest du heute getrost in die Tonne kloppen?

„Warte, bis du wirklich bereit bist.“ Klingt vernünftig. Ist meistens eine Entschuldigung, nicht anzufangen. Wir hatten keine Ahnung, was wir taten, wirklich nicht. Was wir hatten, war die Überzeugung, dass das gebraucht wird. Und den Willen, einfach nicht aufzuhören. Das hat gereicht.

Wenn du nur eine einzige Frage in einem Pitch stellen dürftest, um den Charakter der Gründer zu screenen – wie lautet sie?

„Was hat dich in den letzten sechs Monaten am meisten überrascht und was hast du daraufhin konkret verändert?“ Die Antwort zeigt mir alles: ob jemand wirklich im Markt ist, ob er lernfähig ist, ob er ehrlich mit sich selbst umgeht. Wer da eine zu glatte Antwort hat, kennt entweder sein Business noch nicht gut genug oder will es nicht zeigen. Beides ist ein Signal.