Sänger Clueso im Interview über Fernweh, Heimat und Konzerte in Coronazeiten

Sänger Clueso im Interview über Fernweh, Heimat und Konzerte in Coronazeiten

Clueso findet sein neues "Album" "richtig fett". Wieso? Das hat er uns bei einer Zoom-Session erzählt...

Clueso
© Christoph Koestlin
Wir haben mit Sänger Clueso über Fernweh, Heimat und Konzerte in Coronazeiten gesprochen!

Wenn wir eins beim JOLIE-Talk mit Clueso gelernt haben, dann, dass der Sänger ein Träumer ist. Das fing schon in seiner Kindheit an, als er zusammen mit seinem Vater Platten von DDR-Bands hörte. "Die haben sich in ihrer Musik weggeträumt. Das fand ich geil und das hat mich sehr beeinflusst“, erklärt er uns. Hört man! Und zwar vor allem auf seinem neuen Album, das, nun ja, auf den Namen "Album" hört. Ziemlich schlicht. Aber glaubt bloß nicht, dass das auch für die Musik gilt! Ganz im Gegenteil, wie uns der Erfurter, der mit echtem Namen Thomas Hübner heißt, verrät…

1. Wieso heißt Dein Album schlicht und ergreifend "Album"?

Clueso: Es ist einfach DAS Album für mich. Ein bisschen auch wie ein Neuanfang. Alle Cluesos der letzten Jahre haben da einen Platz gefunden: der Ruhige, der Rapper, der Songwriter. Wie so ein saugutes Mixtape. (lacht)

2. Und woher kam die Inspiration?

Der Großteil des Albums ist während der Pandemie entstanden, deswegen ist es sehr von Fernweh geprägt. Es ist ein einziges Losfahren und Zurückkommen. Das ist das sonnigste Album, das ich je gemacht habe. Wenn Du da nicht den Pullover ausziehst, dann weiß ich auch nicht!

3. Vor allem die Kulturbranche leidet ja sehr unter der Corona-Pandemie.

Total, ich könnte mich darüber so aufregen. Zum Beispiel wird jetzt auf die ganze Kulturbranche die Entscheidung abgewälzt, ob sie ein Konzert nur mit Geimpften macht oder nicht. Wir bekommen die brutalsten Auflagen. Ich find’s gut, wenn sich die Leute impfen lassen – ich bin auch geimpft – damit wir das Ganze irgendwann hinter uns haben. Aber wenn ein Veranstalter, um ein normales Konzert durchzuführen und den Raum voll machen zu können, wie wir es von vor Corona kennen, die Vorschrift macht, dass nur Geimpfte reingelassen werden, dann bin ich der Buhmann. Das soll die Regierung vorschreiben, nicht die Kunst. Das ist genau das Gegenteil von dem, was die Kunst eigentlich tun sollte, nämlich einen Spiegel vorhalten und die Richtung zeigen.

4. Eben das, was Du mit Deiner Musik machst. Was macht für Dich einen guten Popsong aus?

Wir haben eine so kraftvolle Sprache und viele Möglichkeiten, Doppeldeutigkeit zu erzeugen oder mit einer Zeile ein Bild zu zeichnen. Ein guter Popsong nutzt das aus, ohne dass sich die Leute fragen: Was erzählt der? Das ist mir auch schon gelungen. (lacht) Aber ich mag keine deutsche Mucke, die wie Malen nach Zahlen ist, wenn man schon ahnt: nach der fünf kommt die sechs und dann kommt da oben ein Osterhase raus. (lacht) Das ist mir manchmal zu offensichtlich.

5. Zurück zum Album. Da vereinst Du wieder einmal eine Menge Musikstile. Gibt’s auch eine Richtung, die Du niemals ausprobieren würdest?

Ehrlich gesagt: Schlager. Ein Teil von mir findet diese Musik lustig, aber ich würde niemals einen Schlagersong machen, nicht mal aus Spaß. Aber sonst kann ich mir alles vorstellen. Heavy Metal oder sogar Mittelalter-Mucke – solange es ehrlich und geil gemacht ist.

6. Auf dem Album gibt’s einen Song, der "Was wäre wenn" heißt. Bist Du ein Mensch, der in der Vergangenheit lebt oder jemand, der lieber nach vorne schaut?

Weder noch. Ich bin total im Jetzt, was nicht immer gut ist. Da müssen mich manchmal Leute auch rausoperieren, weil ich überhaupt nicht vorausschaue. Da hat mir die Pandemie dann ein bisschen in die Karten gespielt. (lacht) Aber die Was-wäre-wenn-Frage hat mich schon immer beschäftigt.

7. Inwiefern?

Es gibt so viele Menschen, die ich treffe, die Teil meines Lebens sein könnten, aber es passiert nicht, weil man nicht die Zeit hat oder weg muss. Sowas finde ich spannend.

Clueso sitzt auf dem Foto
© Christoph Koestlin

8. Du musst weg – kommst aber immer wieder zurück. Nämlich in Deine Heimatstadt Erfurt, die Du nie wirklich verlassen hast. Woran liegt’s?

Das frage ich mich auch immer, ich weiß es nicht. Erfurt ist unglaublich schön, aber es gibt auch sau viele Sachen, die mich aufregen.

9. Zum Beispiel?

Das Essen. Das Angebot könnte schon noch geiler sein. Aber trotzdem lieb ich’s dort eben.

10. Also ist das für Dich Heimat?

Ja, weil da komme ich her. Und immer, wenn ich da bin und zum Beispiel meine Eltern besuche, ist es wie früher. Wenn ich höre, wie meine Mutter schreit: "Thomas, Essen!", dann beamt es mich in meine Kindheit zurück. Dieser Personenkult ist dann wirklich komplett weg.

11. Das erdet einen.

Total, das können Heimatstädte ganz gut. Ich habe das Gefühl in Erfurt sehr oft, weil mein Bruder wohnt direkt gegenüber von mir und ist so eine Konstante für mich. Er kennt mich zwar natürlich auch als Clueso, aber für ihn werde ich immer der Thomas bleiben.

12. Gibt es trotzdem Momente, wenn Du in Erfurt bist, in denen Du daran erinnert wirst, dass Du bekannt bist?

Klar. Vor allem, weil ich irgendwie auch zu einem Vorzeigeschild der Stadt geworden bin. Ich glaube, ich bin da der größte Exportschlager. (lacht) Aber ich kenne meine Seitengassen und bin tagsüber nicht oft unterwegs. Ich verkrümel mich eher in meiner Bude und schlafe sehr lange, wenn ich mich mal wieder repariere. Abends, wenn’s dunkel wird, komme ich dann raus und gehe zum Beispiel zur Stammkneipe meines Vaters, wo er immer Würfel spielt. Dann heißt es einmal kurz "Ach, der Herr Clueso" und das war’s dann schon.

13. Finale Frage: Ein Track auf "Album" heißt „Der letzte Song“. Welches Lied würdest Du am liebsten als allerletzten Song in Deinem Leben hören?

Puh, das ist hart. Mir rattern gerade hunderte von Songs durch den Kopf. Ich habe quasi für jeden Anlass einen Soundtrack, aber dafür noch nicht. Klingt ein bisschen nach "Stairway To Heaven" von Led Zeppelin.

14. Oder "Highway To Hell"…

Oder so. Aber wahrscheinlich würde ich einen Nirvana-Song wählen. Irgendwas Rotziges.

15. Going with a bang?

Going with a bang!

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