
Kleidung dient der persönlichen Repräsentation, doch wofür wollen wir stehen?
Als Gottfried Keller 1874 sein Werk veröffentlichte, war die industrielle Revolution in Deutschland gerade am Durchstarten. Bis dato wurde Design noch mit der Hand gemacht. Es gab keine Maschinen, die den Prozess erleichtern konnten. Dementsprechend lange hat es damals gedauert, ein neues Nachmittagskleid zu nähen – zusätzlich zu der Vorarbeit des Inspirierens, Zeichnens, Entwerfens und der Materialbeschaffung für die schönen Stücke. Folglich war ein Neukauf bei den Schneidermeister:innen ein teures Unterfangen, das sich nicht jede:r leisten konnte. Die Idee des „Shoppings“, wie wir es heute kennen, war noch nicht geboren. Man kaufte selten und weniger und besaß deshalb auch weniger. Eine Kaufentscheidung dauerte aus diesen Gründen länger, denn das neue Stück würde lange halten und lange gefallen müssen.
Unsere Auswahl, unser Image
Wenn Gottfried Keller in dieser Zeit also „Kleider machen Leute“ sagte, dann bezog er sich auf handgefertigte Kleidungsdesigns von wenigen, bekannten Schneider:innen. Sein Spruch ist eine Feststellung, die sich auf die zwischenmenschliche Oberflächlichkeit bezieht. Die Wirkungsweise des ersten Eindrucks ist bis heute gleich: Er hängt vom äußeren Erscheinungsbild ab. Wie wir aussehen, das heißt, was wir ausgewählt haben, um uns zu repräsentieren, ist das, was unser Gegenüber als Erstes von uns verstehen kann. Neben unserem Outfit zählt dazu auch das Make-up oder die Frisur. Wir haben es für uns ausgewählt und somit spricht es für uns.
Kein Trend, sondern ein Paradigmenwechsel – Fairness und Nachhaltigkeit im Design

An diesem Prinzip hat sich bis heute nicht viel geändert. Das heißt nicht, dass wir im Jahre 2022 noch dieselbe Kleidung wie 1874 tragen (Ausnahmen bestätigen die Regel). Natürlich unterliegt unser Eindruck auch gewissen Trends und Vorurteilen – diese kommen und gehen wie die Schlaghose. Die momentane Bewegung ist jedoch besonders interessant, weil sie einen substanziellen Wandel bewirken kann: Der aktuelle Fokus auf Gesundheit, eine positive Einstellung, Toleranz und Nachhaltigkeit ändert gerade unseren Designgeschmack. Das ist kein Trend, denn es geht dabei nicht um das bloße Aussehen von Dingen. Die Bewegung hinterfragt tiefergehend und will im Ansatz verändern.
Für die Umwelt
Auf der einen Seite geht es dabei um Herstellungsprozesse, Handlungswege und Umweltfreundlichkeit. Je weniger Ungerechtigkeit, je mehr Transparenz und Qualität in der Historie eines Designstücks stecken, desto attraktiver wird es für Kaufende. Die Nachhaltigkeit findet bei den Kleidungsstücken eine schöne und stylische Umsetzung, worin die Ästhetik ebenso eine wichtige Rolle spielt. Somit darf Kleidung ihre Naturfarben behalten, aus recycelten Stoffen sein, einen praktischen Fokus haben oder offensichtlich alt und upcycled sein. Daraus entsteht ein eigener Stil. Bei manchen heißt er „conscious“ (bewusst), bei anderen „Minimalismus“ oder einfach „eco-friendly“. Im Gegenzug wird Kritik geäußert an den bekannten Großunternehmen der Fast Fashion Industry und an den mit überflüssigen Dingen überfüllten Wohnungen einer völlig gesättigten Konsumgesellschaft. Unternehmen, wie WearWyse setzen auf innovativen Umgang mit Materialien, indem sie nachhaltige Fashion herstellen. Anika Schweigert, Gründerin des Unternehmens, sagt zu diesem Thema: "Meine WearWyse Active Wear besteht aus innovativen und nachhaltigen Stoffen, welche aus recyceltem Meeres-Abfall, sprich Plastik und Fischernetzen, hergestellt werden. Die Lounge Wear besteht ebenfalls aus nachhaltigen Stoffen, wie beispielsweise Bambus und Hanf, zwei sehr hochwertigen, langlebigen und natürlichen Pflanzenfasern".
Für den Menschen
Auf der anderen Seite will die moderne Bewegung mit veralteten Regeln aufräumen. Es gibt in der Welt des Designs so viele ungeschriebene Gesetze. Sie kommen aus einer anderen Zeit und wollen Menschen vieles vorschreiben: Was darf wann getragen werden? Welche Farben passen nicht zusammen oder auf welche Dinge muss ich mit meinem Körpertyp verzichten? Es ist ein verrücktes Regelwerk, das lediglich auf unbewiesenen Theorien basiert. „Aber das haben wir schon immer so gemacht!“, oder „So ist das eben.“ – sind keine Begründungen mehr, die die junge Bewegung heute akzeptieren möchte. Es regiert das positive Mindset, Kreativität und vor allem eine große Portion Toleranz. Toleranz gegenüber allen Herkünften, Körperformen und jeglichen Unterschieden. Aber auch gegenüber sich selbst, um sich so zu tolerieren und sich damit wohlzufühlen, wie man eben ist. Denn die Hülle spielt nur eine untergeordnete Rolle. Wenn das verinnerlicht ist, werden die alten Regeln und Einschränkungen obsolet. Diejenigen, die sich diesem Trend anschließen, arbeiten für sich selbst und gegen eine Mehrheit. Sie werden alltäglich mit Kritik konfrontiert und müssen trainieren, ihren Selbstwert ungetrübt zu erkennen, auch wenn Stimmen von außen dagegenwirken – einfach ist anders.
Leute machen Kleider – aber bitte schnell und günstig
Was sich also grundsätzlich am Spruch „Kleider machen Leute“ geändert hat, sind die Kriterien und Maßstäbe, anhand derer „gute“ Kleidung bzw. gutes Design generell erkannt wird. Früher wurde sich über seltene Mode und herausragende Nähkunst gefreut, die an den Körpern stolzer Bürger:innen zu sehen war. Der Name der Herstellenden wurde genannt; die Besitzenden solcher Designstücke wurden für ihre Auswahl gelobt. Heute stellt sich die Situation wieder ähnlich dar. Zwar erkennt der Kunde „nicht gute Kleidung“ an der Marke und muss sich wiederholende Outfits aus dem Supermarkt antun. Aber es gibt auch einen alten/neuen Trend. Diesen beschreibt Julian de Grahl, CEO der Spread Group, folgendermaßen: „Der Trend geht wieder klar weg von der stark umweltbelastenden Fastfashion. Nach Bedarf produzierte Waren ist dazu bereits seit Jahren eine Branchenentwicklung, die auf den Wunsch zu nachhaltigen Kleidungsstücken einzahlt. Produkte aus hochwertigen Stoffen und Materialien gefallen demnach besonders lange – und sind deshalb besonders nachhaltig und entsprechen dem veränderten Konsumverhalten bewusster zu kaufen. Das neue Lieblingsstück wird man im Vergleich zu Fastfashion lange tragen, denn es ist individuell ausgewählt und hochwertig.“
Etwas wirklich Gutes auswählen

Seitdem Mode und Design industriell gefertigt werden, also mit Maschinen am Fließband so schnell und günstig wie möglich, machten nicht mehr die Kleider die Leute, sondern es hieß: „Leute machen Kleider“, in riesigen Mengen, unterbezahlt, gestresst, diskriminiert und unter unzumutbaren Arbeitsbedingungen.
Daher sind es Unternehmen wie die Spread Group und Marken wie WearWyse, gegründet von der Weltenbummlerin Anika Schweigert, die eine neue Bewegung ganzheitlich repäsentieren. Ihre Mode wird unter anderem aus recyceltem Plastik aus den Ozeanen hergestellt. Sie kennt die Menschen, die ihren Designs per Handarbeit Leben einhauchen und achtet jede:n Einzelne:n. Gleichzeitig sind ihre Kleidungsstücke für alle Körperformen ausgelegt, ohne zu kaschieren, sondern um Body Positivity zu zelebrieren. Das Wohlfühlen und die Nachhaltigkeit stehen im Vordergrund.
Was von dem anfänglichen Sprichwort bleibt, ist, dass ein Mensch dafür einsteht, womit er sich kleidet. Es ist jedes Mal eine Entscheidung aus repräsentativen Zwecken. Im Jahr 2022 wissen wir, dass die bekanntesten Marken auf unethische, umweltschädliche Weise produzieren. Wer dort kauft, steht dafür ein. Um wie früher über gekaufte Designs ins Gespräch zu kommen und für die eigene Auswahl ein Kompliment zu erhalten, zählen heute Antworten auf tiefergehende Fragen. Es lohnt sich über die Herkunft von unseren Dingen Bescheid zu wissen. Es lohnt sich, weniger zu besitzen aber dafür länger. Es fühlt sich auch besser an. Denn wir stehen für das, was wir für uns auswählen. Wenn wir mit gutem Gewissen stolz über die neue, ethisch korrekte und umweltfreundliche Investition für den Kleiderschrank sind, strahlen wir das auch aus – weil wir etwas wirklich Gutes ausgewählt haben. Es zählt also nach wie vor die Person hinter dem Designstück. Denn das Schönste an deinen Dingen bist du selbst.





