Aussteigen aus dem Konsumkarussell: Mehr Glück mit weniger haben

- „Unsere Gesellschaft läuft in einem Hamsterrad, in dem es darum geht, Jobs zu machen, die man nicht mag, um mit dem Geld Dinge zu kaufen, die man nicht braucht, um damit Leute zu beeindrucken, die man nicht leiden kann“ - Unbekannter Verfasser 

In weiten Teilen dreht sich heute vieles um Konsum. Egal wohin man schaut, sei es Mode, Autos, Inneneinrichtung oder Unterhaltungselektronik. Überall geht es nur darum, das Neueste zu besitzen, Trends hinterherzulaufen, sich über Statussymbole zu definieren. Eine oberflächliche Generation von Konsumsklaven. Der folgende Ratgeber will den Entzugsberater für diese Suchtform spielen. Raus aus diesem Karussell, um damit nicht nur Geld einzusparen, sondern vor allem eine viel tiefere Befriedigung zu erfahren, als es jedes Kauf-Glücksgefühl könnte. Und das ist einfacher, als man denkt. 

Warum das Karussell sich dreht

Aussteigen, das schreibt und liest sich leicht. Aber die Gründe dahinter sind komplexer. Denn zunächst muss man nachforschen, warum dies so ist. Und das geht nur, wenn man weiß, wie das System funktioniert. Kapitalismuskritik wäre ein Wort für das, was nun folgt. Aber das wäre auch ein stumpfer, zu breit gefasster Begriff. Konsum-Hinterfragung ist treffender und klingt auch gleich weniger nach Straßen-Demo und Wasserwerfern. 

Der Kapitalismus ist ein hochkomplexes Wirtschaftssystem mit vielen Strömungen. Doch es lässt sich auf eine Gleichung herunterbrechen: Die private Wirtschaft produziert etwas oder bietet eine Dienstleistung an. Diejenigen, die produzieren oder die Dienstleistung erbringen, bekommen dafür Geld. Nennen wir sie Lohnempfänger. Doch weder Produktion noch Dienstleistung lassen sich aufrechterhalten, wenn kein Geld zurückfließt. 

Kapitalismus lebt davon, uns nicht nur von einer Ware unzählige Varianten anzubieten, sondern diese auch im schnellen Wechsel zu erneuern. 

Kapitalismus lebt davon, uns nicht nur von einer Ware unzählige Varianten anzubieten, sondern diese auch im schnellen Wechsel zu erneuern. 

Doch alleine würde das System nicht sonderlich effizient laufen. Auch deshalb, weil, wenn der Markt nur „wirklich Notwendiges“ anböte, längst nicht genügend Menschen in Deutschland und der Welt Arbeit hätten. Also kommen Unternehmen hinzu, die Dinge offerieren, die als Luxus zählen. Beispielsweise statt einfacher Schuhe solche mit Absätzen, Turnschuhe, oder auch spezielle Wanderstiefel. Allerdings muss man dem Lohnempfänger schmackhaft machen, dass er so etwas braucht. Das übernehmen drei Mechanismen:

  • Die Werbung, die durch sehr ausgefeilte Tricks weiß, wie sie Begehrlichkeiten wecken kann
  • Das produzierende Gewerbe, das von einem Produkt unzählige Varianten herausbringt
  • Das forschende und entwickelnde Gewerbe, das immer Neues hervorbringt und so dafür sorgt, dass immer Neues gekauft werden soll/will/muss

So entsteht ein selbstverstärkender Effekt: Wir kaufen beispielsweise ein Handy, nachdem Werbung unser Begehren daran geweckt hat. Doch Technik entwickelt sich rasend schnell. So kommt es, dass uns die Werbung nach vielleicht nur einem Jahr bereits das nächste Modell schmackhaft machen will. Und wir greifen zu. Auf diese Weise läuft der Motor des Konsumkarussells. Mal langsamer, in Zeiten schlechter Konjunktur – mal schneller, wenn die Konjunktur brummt. 

Warum es sinnvoll ist, auszusteigen

Kapitalismuskritik wäre es an dieser Stelle, dieses ganze Prinzip als böse zu verteufeln. Doch das will dieser Artikel nicht. Denn Fakt ist, gäbe es nicht all die Firmen, die Dinge Werbung ist reinste Tiefenpsychologie. Und als solche weiß sie genau, wie man Menschen manipuliert. Will man sich derart freumdsteuern lassen?

Werbung ist reinste Tiefenpsychologie. Und als solche weiß sie genau, wie man Menschen manipuliert. Will man sich derart freumdsteuern lassen?

Aber Fakt ist ebenso, dass das System heute unglaublich ausgefeilt ist. Werbung macht sich unzählige psychologische Tricks zunutze, damit sie wirklich viele Menschen anspricht. Würden alle aus dem Hamsterrad aussteigen, bräche die Gesellschaft, wie wir sie kennen, wahrscheinlich zusammen. Doch man kann es auch langsamer angehen, viel persönlicher zugeschnitten. Und damit erntet man enorme Vorteile:

  • Man spart Unmengen an Geld, weil man nicht mehr so viele Produkte kauft.
  • Man schützt die Umwelt. Denn jedes einzelne Produkt, das man nicht kauft, muss nicht produziert werden.
  • Man lernt, seinen Besitz viel eher wertzuschätzen, weil es länger im Besitz bleibt und bedachter ausgesucht wurde.
  • Man lernt eine andere Glücksform kennen. Denn Konsum und Kaufen machen zwar fraglos glücklich. Aber es ist nur eine kurzlebige Glücksform. Die Leere, die danach kommt, ist umso größer

Denjenigen Lesern, für die diese Vorteile noch nicht genug sind, sei gesagt, dass sich dadurch auch ein insgesamt geruhsameres Leben einstellt, ganz ähnlich wie bei einer wirklich gut funktionierenden Beziehung. Man fühlt sich weniger getrieben, weniger gezwungen. Und vor allem befreit man sich von diesem nagenden Gefühl, doch irgendwie wie eine Marionette zum immerwährenden Kauf verleitet zu werden. 

Wie man aussteigen kann, ohne zu leiden

Der Entzug ist die mit Abstand unbequemste Form beginnender Abstinenz. Dafür muss man unglaubliche Willensstärke und Leidensfähigkeit besitzen und es macht sicherlich keinen Spaß. Doch um aus dem Konsum-Karussell auszusteigen, braucht es genau solche spaßigen Erfolgserlebnisse. Und die stellen sich nur dann ein, wenn man es sanft angehen lässt. 

Finanzen sind der Schlüssel dazu. Denn obschon jeder von uns durch unzählige kleine Tricks sparsam sein kann, ist der davon wichtigste für den Konsum-Ausstieg, sich bei jedem einzelnen Kauf vom Joghurt bis zum Designer-Mantel zu fragen „Ist das wirklich nötig? Brauche ich das? Warum?“. Anfangs muss man sich diese Frage noch aktiv stellen. 

Doch schon nach wenigen Wochen wird die Sache sich automatisieren. Man sieht zwar noch all die schönen Dinge, aber der Bauch wird einem nicht mehr „kauf das“ sagen. Dadurch erzieht man sich vor allem zu einer psychologischen Grundhaltung. Man hat weniger Not, auf Spontankäufe und Verlockungen der Werbung einzugehen. Tatsächlich sind die oben genannten Fragen so mächtig, dass sie allein schon dafür sorgen können, dass man das Konsumkarussell verlässt. 

Bargeld auszugeben bedeutet eine wesentlich bewusstere Handlung als alle anderen Zahlungsmitteln. Ein sehr effektives Selbsterziehungsmittel. 

Bargeld auszugeben bedeutet eine wesentlich bewusstere Handlung als alle anderen Zahlungsmitteln. Ein sehr effektives Selbsterziehungsmittel. 

Wer seine EC-Karte in den Scanner steckt, der bekommt zwar auf dem Display angezeigt, welcher Betrag abgebucht wird. Aber dass das Geld damit aus dem eigenen Besitz verschwindet, sieht man damit wesentlich weniger bildlich, als wenn man einzelne Scheine und Münzen aus der Brieftasche fischt und auf den Zahlteller legt. Wer bewusster konsumieren will, sollte also seine Kredit- und EC-Karten aus dem Portemonnaie nehmen und zuhause deponieren. Der nächste Schritt besteht darin, grundsätzlich nur eine bestimmte, aber immer geringe Summe Bargeld dabeizuhaben, die nur für die täglich notwendigen Besorgungen reicht. Das hilft dabei, dem Drang nach Spontankäufen zu widerstehen, der sich anfangs noch häufig einstellen wird. 

Mode ist ein unglaublich schnelllebiger Teil des Konsumkarussells. Wohl in keiner anderen Branche gibt es so viel Auswahl, die zudem auch in so kurzen Abständen wechselt. Doch nur derjenige, der seit Jahr und Tag sämtlichen Frühjahrs- und Herbstkollektionen hinterherläuft, glaubt, dass es keinen gesellschaftstauglichen Ausweg gäbe. In Wahrheit muss niemand befürchten, dass er, wenn er nicht der neuesten Mode folgt, sich unzeitgemäß kleiden muss. 

Der Trick besteht darin, zunächst einen Großteil seiner bisherigen Trend-Bekleidung in den Second-Hand-Laden zu bringen. Das macht Bargeldbestände frei. Und diese werden im nächsten Schritt dazu verwendet, um sich zeitlose Kleidung zu besorgen. Die Herangehensweisen unterscheiden sich natürlich, ob man ein Mann oder eine Frau ist. Doch beide Geschlechter können sich von Kopf bis Fuß so einkleiden, dass die Stücke zum einen jahrelang halten und zum anderen immer gut aussehen. Tatsächlich ist das sogar die ganz hohe Schule der Mode. Denn einfach alle paar Wochen in einen Laden gehen und sich dort trendige Kleidung kaufen, das kann jeder. Für Zeitlosigkeit braucht es hingegen Geschick und Nachdenken. 

Qualität kostet zwar nicht immer, aber doch oft mehr Geld. Dieser Punkt steht deshalb etwas konträr zu den vorherigen, denn er zwingt einen, manchmal zunächst mehr Geld auszugeben – jedoch in wesentlich größeren Abständen. Dafür ist die Regel auch universell gültig. Denn wenn man sich die weiter oben erwähnte Frage „brauche ich das?“ gestellt hat und sie unzweifelhaft mit „ja“ beantworten muss, sollte man anschließend dafür sorgen, dass man sich von diesem Produkt die höchste Qualität kauft. 

Dabei muss man allerdings unterscheiden lernen zwischen „echter“ Qualität, deren höherer Preis gerechtfertigt ist und „Pseudoqualität“, die nur wegen eines großen Namens so viel kostet. Ein Beispiel, die Jeans. Hier hat man drei Optionen:

  • Die Billigjeans vom Modediscounter: Geringe Haltbarkeit, geringes Prestige
  • Die teure Designerjeans: (mutmaßlich) geringe Haltbarkeit, hohes Prestige
  • Die teure Qualitäts-Markenjeans: (mutmaßlich) hohe Haltbarkeit, mittleres Prestige 

Teuer und Qualität sind kein Synonym. Bei Uhren etwa gibt es viele teure Stücke von Modemarken mit ziemlich „billigem“ Innenleben. 

Teuer und Qualität sind kein Synonym. Bei Uhren etwa gibt es viele teure Stücke von Modemarken mit ziemlich „billigem“ Innenleben. 

Autos füllen ganze Bücherwände. Und obschon sich im Autoland-BRD eine Abkehr vom Trend zum vierrädrigen Statussymbol erkennen lässt und zumindest Großstädter auch viele taugliche Alternativen zwischen Fahrrad, ÖPNV und Car-Sharing besitzen, bleibt jedoch für viele die Notwendigkeit zum eigenen Auto. Und da sei eine Zahl genannt: 50 Prozent. Dies ist der durchschnittliche Restwert für manche Fahrzeuge – abhängig von Hersteller und Bauform – lediglich drei Jahre nach der Erstzulassung. Selbst als „restwertstabil“ bezeichnete Modelle verlieren immer noch 30 Prozent. Und das nur, weil sie eben nicht mehr neu sind – der Kilometerstand hat nur wenig Auswirkungen auf den Restwert. 

Wer wirklich aus dem Konsumkarussell aussteigen will, kauft sich also entweder einen Neuwagen, der sehr günstig ist und fährt ihn über viele Jahre. Oder er kauft grundsätzlich nur gute Gebrauchte. Denn für etwas, das so schnell an Wert verliert, mehrere zehntausend Euro mehr zu bezahlen, nur um sagen zu können, man sei der Erstbesitzer, ist Konsumkarussell par Excellence.  

Neid auf etwas, das andere besitzen, ist eine sehr starke Konsum-Triebfeder. Diesen Neid abzulegen, ist nicht leicht, aber wirksam. 

Neid auf etwas, das andere besitzen, ist eine sehr starke Konsum-Triebfeder. Diesen Neid abzulegen, ist nicht leicht, aber wirksam. 

Firmen sind keine Freunde, die sich freuen, wenn man dort zu „Besuch“ kommt. Werbung will nur, dass man so oft wie möglich so viel Geld wie möglich für etwas ausgibt. Wenn das einmal im eigenen Kopf „Klick“ gemacht hat, wird man automatisch immun dagegen. 

Andere sind häufig die Triebfeder dafür, warum wir in einen Laden gehen und Geld für etwas ausgeben. Der Nachbar mit dem neuen Auto, der Kollege mit dem Oberklasse-Handy. Doch wenn man diesen Schritt meistert, hat man es schon fast geschafft. Dazu muss man sich immer wieder klarmachen, dass man sich nicht über sein Auto definiert. Oder durch seine Uhr oder das Marken-Polohemd. Ein Mensch definiert sich über seinen Charakter, seine Worte, seine Taten. Egal um welches Konsumprodukt es sich auch handelt, es beeindruckt nur diejenigen, die selbst noch im Hamsterrad feststecken – und auch die nur deshalb, weil sie vielleicht neidisch sind. Man muss lernen, weder dauernd danach zu streben, andere durch Produkte zu übertrumpfen, noch sich von ihnen zu Käufen verleiten zu lassen, die man nicht benötigt. 

Die hohe Schule des Aussteigens

Bis zu diesem Punkt konnte jeder zum Konsum-Aussteiger werden, ohne sich selbst oder sein Lebensmodell in Frage zu stellen. Allerdings kann es auch sein, dass man davon in einen sprichwörtlichen Bann gezogen wird. Diesen Personen sollen natürlich auch die weiteren Möglichkeiten nicht vorenthalten werden. Sie sind jedoch wesentlich schwerer zu erreichen und haben auch viel tiefgreifendere Auswirkungen. 

Es gibt auch deshalb so viele Burnout-Fälle, weil immer mehr glauben, sich nur dadurch ein „angemessenes Leben“ leisten zu können. 

Es gibt auch deshalb so viele Burnout-Fälle, weil immer mehr glauben, sich nur dadurch ein „angemessenes Leben“ leisten zu können. 

An diesem Punkt wird es notwendig, über dieses wichtige Thema nachzudenken: Warum ist man in dem Beruf, der Position, in der man sich gerade befindet? Ist es, weil einem die Sache wirklich Spaß macht und man die überwiegenden Tage mit Herzblut dabei ist? Dann ist alles blendend. Doch wenn dem nicht so ist, wenn man einen Beruf nur macht, weil er viel Geld abwirft, sollte man sich bereits die Frage stellen, ob es wirklich sinnvoll ist, so viel Lebenszeit und -freude gegen Geld zu tauschen, das man nicht wirklich benötigt – ein konsumbewussteres Leben ist verhältnismäßig günstig. 

Gleiches gilt auch für die Karriere als solche: Warum will man weiter nach oben? Lautet die Antwort Geld, sollte man sich ebenfalls fragen. Und kommt man zu der Erkenntnis, dass man den Beruf wirklich nur macht, um Geld für all die kleinen Annehmlichkeiten zu haben, sollte man über einen Wechsel nachdenken. Tatsächlich passiert das wesentlich häufiger, als man vielleicht glaubt. 

Wohnen ist etwas, das viele unter Zwang setzt. Viele Deutsche leben beispielsweise nur deshalb in einer Großstadt, weil sie der Beruf dazu zwingt – und eigentlich hassen sie es. Und man muss sich nicht mit der Wohnraumverknappung und den gerade in den Zentren immer weiter steigenden Mieten befassen, um zu sehen, dass hier ein immenser Kreislauf stattfindet. 

Doch warum nicht genau andersherum? Muss man wirklich jeden Monat hohe Beträge für eine Wohnung ausgeben, nur weil sie in einer Top-Lage steht? Braucht man für sich alleine wirklich 90 Plus X Quadratmeter oder will man damit doch nur irgendeine Leere in sich füllen und vor Besuchern gut aussehen? Solche Fragen kann man nur für sich selbst beantworten. Aber auch hier gilt, wenn das alles nicht absolut notwendig ist, sollte man im Zweifelsfall dorthin gehen, wo das Herz einen hinzieht. Und wenn das ein kleines, altes Haus irgendwo auf dem Land ist, dann ist das kein Makel. 

Echter Verzicht ist eine viel tiefgreifendere Erfahrung, als die kleinen Schritte aus dem vorherigen Kapitel. Da ging es noch darum, nicht immer das Neueste zu besitzen. Bei Konsumverzicht hingegen darum, wirklich abzuschließen. Fernseher? Weg damit! Smartphone? Ein günstiges Prepaid-Klapphandy tut es auch. Und diese Schritte können nach eigenem Geschmack bei allem angewendet werden, was in den Auslagen der Geschäfte liegt. Man muss es ja nicht gleich wie der König aller Aussteiger, der „Waldmensch Öff Öff“ machen und ohne fließendes Wasser in einer Holzhütte leben. 

Stadtleben ist Stress pur. Doch um sich ihm zu entziehen, sind durchaus lebensverändernde Entscheidungen notwendig. 

Stadtleben ist Stress pur. Doch um sich ihm zu entziehen, sind durchaus lebensverändernde Entscheidungen notwendig. 

Fazit

Konsum macht nicht glücklich. Zumindest nicht langfristig. Und nicht nur diejenigen, die schon seit längerem das nagende Gefühl verspüren, dass in ihrem Leben etwas gehörig nicht stimmt, sollten sich fragen, ob es an diesem Perpetuum Mobile namens Konsumkarussell liegt. Verzicht kostet einen nichts außer dem eigenen Ego. Und es bringt etwas, das man mit Geld nicht aufwiegen kann: Echte, ungetrübte Zufriedenheit.