Cyber-Mobbing

Mobbing im Internet. 40 Millionen Deutsche sind online. Jeder zweite glaubt, seine persönlichen Daten im Netz seien sicher. Stimmt nicht. Ein Trend macht sich im Web breit: Rufmord. Ein Report über Opfer und wie man sich gegen Cyber-Mobbing wehrt

Cyber-Mobbing (Bild: Fotolia)

"Topmodel Hana bringt Unruhe in Longoria-Ehe", so titeln die msn-News Ende 2007. Hana Nitsche von "Germany’s next Topmodel" soll eine Affäre mit Tony Parker, dem Mann von "Desperate Housewife" Eva Longoria, gehabt haben.

Ein Video tauchte im Netz auf, in dem die 22-Jährige sagt: "Ich habe Tony in Paris getroffen. Wir haben wundervolle Momente miteinander verbracht." Aufruhr in den USA und Deutschland – "Lächerlich!", lautet Hanas Kommentar zu den Ehebruch-Vorwürfen.

Das Video war für ein Casting gedreht worden, die Sätze vorgegeben. Der Film wurde ins Internet gestellt und in Zusammenhang mit Tony Parker gebracht. "Dazu sage ich nichts", so Hana. "Jemand will damit Aufmerksamkeit erreichen. Das möchte ich nicht unterstützen". Fast vier Millionen Deutsche sind wie das Model im Web schon reingelegt worden. Aus Rache, aus Langeweile. Die Zahl der Opfer steigt.

Cyber-Mobbing, virtueller Pranger, Rufmord 2.0: Ohne das WWW geht heute nichts mehr. Seine Anonymität bietet jedoch viel Raum zum Missbrauch. "Drüberstehen", sagt Hana dazu. Ihr hat der angebliche Ehebruch zum Glück nicht geschadet. Trotzdem ist sie vorsichtig geworden. "Man sollte es nicht herausfordern, nicht mit jedem Unbekannten auf Plattformen wie ‚myspace‘ Freundschaft schließen. Und: Meine Privatbilder habe ich auf einer externen Festplatte gespeichert. Zur Sicherheit."

Ursachen von Cyber-Mobbing: Rache, Neid & Co.

"Kollegen werden gemobbt, Nachbarn fertiggemacht" Nicht immer läuft Cyber-Mobbing so glimpflich ab wie bei Hana. Stellen Sie sich vor, Sie googeln sich und finden Ihren Kopf auf einen nackten Körper montiert! So ergeht es nicht nur Promis wie Sandra Bullock. Auch Sonia L. aus Hamburg musste entdecken: "Mein voller Name stand unter einem Bild von mir, dazu ein übler Text, der mich wie eine Prostituierte anbot. Ich stand völlig unter Schock."

Die 31-Jährige erstattete Anzeige gegen Unbekannt. "Ich hatte Angst, Kollegen und Freunde entdecken die Seite und denken, sie wäre von mir!" Ein halbes Jahr lang litt Sonia Qualen, weil sie nicht wusste, wer den Text ins Netz gestellt hatte. Bis ihr Ex ihr gestand, dass er es war. Er hatte sie mit einem anderen Mann gesehen, da brannten ihm die Sicherungen durch.

Sonia zog die Anzeige zurück, weil ihr Ex sonst seine Arztzulassung verloren hätte. Er zahlte dafür Schmerzensgeld – und nahm das Bild aus dem Netz. Trotzdem hat Sonia Angst: "Meine sechsjährige Tochter könnte in ein paar Jahren die Anzeige wieder finden!" Denn das Internet vergisst nicht. Gelöschte Inhalte können im Cache gespeichert immer wieder aufgerufen werden. Oder andere User haben Bild, Video oder Text, während sie online standen, kopiert und auf anderen Sites weiterverbreitet.

Die Rachsucht von Expartnern ist ein häufiger Grund für Cyber-Mobbing. Genauso wie Neid oder Konkurrenz Auslöser sind: Nachbarn werden verleumdet, Firmen denunziert, Kollegen fertiggemacht, Lehrer gemobbt. Dafür gibt es jetzt sogar schon eigene Plattformen wie rottenneighbor.com, rache-ist-suess.de oder spickmich.de. Auch bei youtube oder myvideo findet die virtuelle Treibjagd statt.

Wie soll ich bei Cyber-Mobbing reagieren?

Melanie K. aus Köln erfuhr von einem Freund, dass sie ein Profil auf myspace hat. "Das ich aber nicht angelegt habe!, so die 28-Jährige. "Mein Name, Foto, Alter und Wohnort sind angegeben, mehr kann ich nicht sehen, weil mich der User dafür zulassen müsste. Meine Anfrage wurde abgelehnt." Melanie macht das Fake-Profil nervös. "Es ist schlimm, keine Kontrolle darüber zu haben, was da über mich steht oder was der Mobber anderen in meinem Namen schreibt."

Wer er ist, weiß sie nicht. "Das Foto hatte nur ein kleiner Kreis von Leuten. Soll ich jetzt gleich alle verdächtigen?" Melanie bat myspace, das Profil vom Server zu nehmen. Bisher ohne Erfolg. "Unsere User erhalten normal innerhalb von 24, spätestens nach 72 Stunden Hilfe vom Customer-Service, wenn sie ihr Problem über ‚Wende dich an MySpace‘ gemeldet haben“, sagt Mats Wappmann von myspace.de auf Anfrage von JOLIE. Melanie will es jetzt noch mal versuchen. Sie hat nur eine Frage: "Wer tut so etwas?"

Diplompsychologe und Autor Borwin Bandelow meint: "Schüchterne Menschen, die nicht das Selbstbewusstsein haben, anderen ihre Meinung ins Gesicht zu sagen. Die Anonymität im Internet gibt ihnen die Gelegenheit, ihre Aggressionen trotzdem rauszulassen." Und: Sie erreichen damit mehr Menschen, als würden sie ihre Anschuldigungen an eine Hauswand sprayen.

Müssen wir uns jetzt dauernd googeln? "Nein", sagt Medienrechtsanwalt Tobias Strömer, der täglich mit Cyber-Mobbing zu tun hat. Er rät, dem Ganzen selbstbewusst zu begegnen. "Wenn man nicht reagiert, verliert der Mobber oft das Interesse daran weiterzumachen." Er weiß aus Erfahrung: "Häufig sind die Auswirkungen der Verleumdungen nicht so schlimm, wie sich das die Betroffenen ausmalen. Die wenigsten Freunde oder Bekannten sehen die entsprechende Site. Und ehrlich, was ist Ihnen lieber: ein zerkratztes Auto oder ein anonymer Kommentar im Internet?"

Wer nicht weiterweiß, bekommt nicht nur bei Anwalt und Polizei Hilfe. Ein neuer Geschäftszweig ist durch den Trend zum Web-Rufmord entstanden. Firmen wie datenwachschutz.de oder deinguterruf.de helfen ab 20 Euro, unerwünschte Inhalte zu löschen. Der Anbieter procomb.com spürt sogar mithilfe eines biometrischen "Detection System" alle Bilder und Videos des Opfers auf und entfernt sie dann.

Und in Zukunft? "Cyber-Mobbing wird weiter zunehmen", sagt Strömer. "Das Wichtigste: sich darüber klar werden, dass nicht alle Informationen aus dem Internet der Wahrheit entsprechen." Bleibt zu hoffen, dass das auch die 28% Prozent der Personalchefs erkennen, die sich über Bewerber im Internet informieren.

Heike Gerhard

Wie kann ich mich gegen Cyber-Mobbing wehren?

Wie ihr euch schützen und wehren könnt:

Die gesetzliche Lage Medienrechtsanwalt Tobias Strömer erklärt:

"Verleumdung, die Verletzung von Persönlichkeitsrechten und die Verletzung des Rechts am eigenen Bild muss man sich nicht gefallen lassen. Aber wenn Ihr Foto oder Ihre Daten im Internet oder im Telefonbuch bereits veröffentlicht sind, liegt keine solche Verletzung vor. Öffentliche Bewertungen von Personen sind erlaubt."

Welche rechtliche Handhabe habe ich?

"Kennt man den Täter, kann man ihm eine Abmahnung schreiben und ihn zur Unterlassung auffordern. Wenn das nicht hilft, empfehle ich eine zivilrechtliche Klage auf Schadenersatz. Es können Forderungen von 2.500 bis 15.000 Euro gestellt werden. Ist der Täter unbekannt oder steht der Server der Site im Ausland, wie z.B. bei ‚youtube‘, hat man fast keine Chance."

Wie sollte man reagieren?

"Nicht immer gleich den Anwalt einschalten", sagt Strömer. "Wenn Sie bei ‚rottenneighbor‘ verunglimpft werden, veranlassen Sie, dass drei andere User Sie als nett empfehlen. Wenn Ihre Firma als unseriös denunziert wird, zweifeln Sie auf dieselbe Art die Glaubwürdigkeit dieses Konkurrenten an. Und: Achten Sie auf einen sorgsamen Umgang mit Bildern, Videos und Texten."

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