Wie, Du hier? - Zufälle, die das Leben beeinflussen

- Er setzt die Logik außer Kraft und lässt uns an höhere Mächte glauben: der Zufall. Tatsache ist: Wenn man ihm offen gegenübersteht, ergeben sich ungeahnte Möglichkeiten.

Ob durch das Steigenlassen von Luftballons oder bei einer Taxifahrt - der Zufall wählt seltsame Wege. (Bild: Thinkstock)

Ob durch das Steigenlassen von Luftballons oder bei einer Taxifahrt - der Zufall wählt seltsame Wege. (Bild: Thinkstock)

Sie denken an Ihre Schulfreundin, von der Sie seit fünf Jahren nichts mehr ­gehört haben. Und im gleichen Moment ruft sie an. Im ­Urlaub liegen Sie am Strand einer einsamen Insel in Südostasien. Und neben Ihnen breitet ausgerechnet der Typ sein Handtuch aus, von dem Sie mit 15 Ihren ersten Kuss bekommen haben. Kennen Sie solche Momente? Sie erscheinen uns so wahrscheinlich wie die Begegnung eines Eisbären und eines Pinguins in der Wüste. Mit Logik allein lassen sie sich nicht erklären. Und uns fällt dazu nur eines ein: Was für ein Zufall!

Der Zufall kann Leben retten, aber auch zerstören

"Zufall ist das unberechenbare Geschehen, das sich unserer Vernunft und ­unserer Absicht entzieht", schrieben die Brüder Grimm. Wir neigen dazu, alles erkunden und verstehen zu wollen. Das ist gut – nur so können wir Neues lernen. Und wenn unser logisches Verständnis nicht ausreicht, um ein Ereignis zu erklären, kann's nur der Zufall gewesen sein. "Unserem Wesen entspricht es, zielgerichtet zu denken und zu handeln. Wir können und wollen nicht glauben, dass sich das Universum so offenkundig sinnlos verhält", so Stefan Klein, Autor des Buches "Alles Zufall: Die Kraft, die unser Leben bestimmt"(rororo, 9,95 Euro).

Ereignisse erscheinen uns umso bemerkenswerter und zufälliger, für je weniger wahrscheinlich wir sie halten. Der Zufall führt zu freudigen Wiedersehen, hilft uns, die große Liebe zu finden, ist in der Lage, Leben zu retten, aber auch zu zerstören: Am 10. September 2001 räumt Felix Sanchez sein Büro im Südturm des World Trade Center in New York. Sein Traum von der Selbstständigkeit wird ihm am nächsten Tag das Leben retten. Doch das Glück währt nur kurz: Zwei Monate später besteigt er die American-Airlines-Maschine 587 nach Santo Domingo. Das Flugzeug stürzt nach dem Start über dem New Yorker Stadtteil Queens ab, niemand überlebt.

Der Taxifahrer Barry Bagshaw hingegen chauffiert 2001 ein Paar im britischen Brighton. Im Gespräch stellt sich heraus, dass der junge Mann Barrys Sohn ist, den er zum letzten Mal gesehen hatte, als dieser fünf war. Auch dem Hamburger Wolfgang Staude verhalf der Zufall zu einem Wiedersehen: Er lässt 2002 einen Ballon mit einer Karte, auf der seine Telefonnummer steht, aufsteigen. Die Botschaft bleibt hundert Kilometer entfernt an einem Baum hängen – im Garten eines alten Freundes, zu dem er vor 40 Jahren den Kontakt verloren hatte.

Bei solchen Ereignissen tun sich selbst Wissenschaftler mit Erklärungen schwer. Stefan Klein: "Wie viele Details ein Nachforschender auch sammeln mag – nie wird er eine Zwangsläufigkeit finden, warum der Ballon ausgerechnet von einem Mann zum anderen fliegen musste."

Von den Göttern zur Wahrscheinlichkeitstheorie

Dinge, die nicht logisch zu erklären sind, beschäftigen Philosophen, Physiker und Astrologen seit Jahrtausenden. In der Antike waren Zufälle völlig unbekannt. Alles, was passierte, wurde auf das Wirken der Götter zurückgeführt, die Menschen für ihre Taten belohnten oder straften. Erst mit dem Aufkommen des naturwissenschaftlichen Weltbildes entstand das Bedürfnis, das ganze Universum erklären zu können. Anfang des 20. Jahrhunderts kam das Gesetz von Ursache und Wirkung auf: Nichts geschieht ohne Grund – und Phänomene sind nur deshalb unerklärlich, weil wir die Ursache (noch) nicht kennen.

Um 1930 entstand die Wahrscheinlichkeitsrechnung, ebenfalls getrieben von dem Wunsch, alles Unverständliche in ein Schema zu pressen und Vorhersagen treffen zu können. Erst in den letzten Jahren wird dem Zufall mehr Raum zugestanden: Mathematiker haben bewiesen, dass er selbst dort auftritt, wo alles streng nach Regeln abläuft, Physiker untersuchen, wie er entsteht und weshalb wir ihm nicht entkommen können – und Evolutionsbiologen wissen längst, dass wir unser ganzes Dasein in einem höheren Maß dem Zufall verdanken als bisher angenommen.

Kann ein Flügelschlag ein Leben ändern?

"Zufall ist die größte Großmacht der Welt", hat Erich Kästner gesagt. Unzählige Filme und Bücher befassen sich damit, wie kleine Vorfälle ein ganzes Leben beeinflussen können – der sogenannte Schmetterlingseffekt. In den Romanen "Die Musik des Zufalls" von Paul Auster und "Der Würfler" von Luke Rhinehart überlassen die Protagonisten dem Zufall vollkommen die Macht über ihr Dasein. Franka Potente läuft in dem Film "Lola rennt" durch drei Versionen der gleichen Zeitspanne ihres Lebens. Nur Details ändern sich – doch diese entscheiden über Tod oder ein Leben im Reichtum. In "Sie liebt ihn – sie liebt ihn nicht" springt Gwyneth Paltrow gerade noch in die U-Bahn – um zu Hause ihren Freund mit der Geliebten anzutreffen. Sie verlässt ihn, beginnt ein neues Leben, lernt einen neuen Mann kennen. In einer zweiten Version der Geschichte verpasst sie den Zug und erfährt nie von dem Betrug. Ist unser Leben so fragil, dass es durch ein kleines Detail aus der Bahn geworfen werden kann?

Gerade die Liebe ist ein Thema, bei dem wir dem Zufall nur ungern Macht zugestehen wollen. "Wir können uns mit der Wirkung des Zufalls umso weniger abfinden, je stärker uns etwas berührt", erklärt Stefan Klein. So wollen wir gerne glauben, dass uns eine höhere Macht den Kollegen vor die Nase gesetzt hat, mit dem wir jetzt nicht nur Tisch, sondern auch Bett teilen. Denn was wäre die Alternative? Die Welt als großes Roulette, lediglich eine Laune der Natur, eine Entscheidung in Sekundenschnelle, wen wir lieben, wo und wie wir leben? Eine eher unangenehme Vorstellung. Doch Stefan Klein beruhigt: "Der Zufall kann unser Leben ändern, aber er wirkt nur in den Grenzen, die unsere Persönlichkeit ihm setzt." Zwar haben wir tatsächlich zum Teil dem Zufall zu verdanken, in wen wir uns verlieben. Aber: Je stärker wir uns binden, desto genauer prüfen wir den anderen.

Aus längst nicht jeder Zufallsbegegnung entsteht eine leidenschaftliche Affäre. Und nicht aus jeder Affäre die große Liebe. Dafür ist mehr nötig. Studien zeigen: Je mehr Gemeinsamkeiten Partner haben, desto eher bleiben sie zusammen. "Jeder Mensch glaubt wohl in romantischen Stunden daran, dass der oder die Geliebte für ihn ausersehen war", so Stefan Klein. "Und vielleicht haben wir sogar die Liebe auf den ersten Blick erlebt. Doch all die Irrwege, die dorthin führen, sind vergessen."

Und die Freundin, die just in dem Moment anruft, als Sie an sie denken? Eine Erklärung wäre selektive Wahrnehmung: Wir denken sehr häufig an Nahestehende. Meist ist das schnell wieder vergessen. Außer das Telefon klingelt – und das Ganze bleibt als bemerkenswerter Zufall in Erinnerung. Doch trotz aller logischen Erklärungsversuche: "Der Zufall ist mächtiger, als wir uns je vorgestellt haben", ist Stefan Klein überzeugt. "Und er ist nicht nur Motor der Evolution, sondern ebenso aller menschlichen Kreativität."

Zufälle machen uns wach und einfallsreich

Das englische Wort für Zufall lautet "chance" – und bedeutet ebenso "Möglichkeit" und "Glück". Und als genau das sollten wir den Zufall auch sehen. "Wir brauchen ihn, um neue Wege gehen zu können“, so Stefan Klein. „Aus zu großer Gewissheit erwachsen selten Ideen." Eine der größten Errungenschaften der Menschheit verdanken wir immerhin dem Zufall – und der Unordnung in Wilhelm Conrad Röntgens Labor: Er bemerkte 1895, dass fluoreszierende Kristalle, die zufällig in der Nähe lagen, beim Einschalten seiner Gasentladungs-Röhren leuchteten – die Röntgenstrahlen waren entdeckt.

Auch Penicillin und Post-it-Zettel wurden nur durch unlogische Verkettungen von Ereignissen erfunden. "Zufälle machen uns wach und einfallsreich", sagt Stefan Klein. Wenn wir bereit dazu sind, die Anstöße von außen zu akzeptieren und wahrzunehmen, eröffnen sich oft Lösungen für Probleme und neue Abzweigungen auf dem Weg des Lebens. "Sich dem Zufall zu öffnen heißt, lebendig zu sein." Also: Geben Sie Ihrer Jugendliebe auf dem Handtuch neben Ihnen eine Chance. Vielleicht ist er der beste Reisebegleiter in ganz Südostasien. Und hat in den letzten zehn Jahren gelernt, wie man richtig gut küsst. Schon Casanova wusste: "Die besten Dinge verdanken wir dem Zufall." Und der Mann muss es schließlich wissen.

(Bilder: ddp images/Thinstock)

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