Süchtig nach Telefonsex

Sie heißen "Sonja", "Madeleine" und "Ines" – die Damen mit den verwegenen Stimmen, die unter 0900 6666 zu erreichen sind. Eine dieser Stimmen bei den Telefonsex-Hotlines gehört Lulu - und sie ist süchtig nach ihrem kleinen Nebenjob. Hier berichtet sie exklusiv von ihrem ersten Mal auf der Line.

Am Anfang war es Neugier (Bild: Thinkstock)

„Ich heiße Lulu. Das ist mein Name auf der Line. Ich bin Hausfrau, verheiratet, 25 Jahre alt und in Bayern zu Hause. Ich möchte anonym bleiben, weil meine Arbeit von den Nachbarn und weitläufigen Bekannten noch immer als unseriös abgestempelt wird. Ich erzähle von meinem ersten Mal auf der Line, um das zu ändern und die Dienstleistung, die ich anbiete endlich aus der Schmuddelecke zu zerren.
Von einer meiner besten Freundinnen wusste ich, dass sie Männer via Telefon sexuell befriedigt. Schon immer war ich neugierig, doch die Bedenken vor dem Gespräch mit meinem Mann und die Angst vor der eigenen Courage ließen mich zögern. Erst als meine Freundin den Mann ihres Lebens traf, der das nicht tolerieren wollte, ergab sich die Gelegenheit. Sie bot mir an, sie für die restliche Laufzeit des Vetrages, den sie mit einer Agentur hatte, zu vertreten. Ich erzählte meinem Mann davon. Nach einem langen Gespräch entschieden wir uns beide dafür. Mein Mann ist sehr tolerant und hat es zu jeder Zeit akzeptiert. Mittlerweile ist meine Freundin glücklich verheiratet und ich bin süchtig nach meinen Männern – abends auf der Line.

"Das 1. Mal auf der Line war sehr prägend"

Mein erstes Telefonat werde ich nie vergessen: Ich saß bei meiner Freundin im Wohnzimmer, es war aufgeräumt, Blumen standen auf dem Couchtisch, eine Kerze brannte – es war sehr schön, sehr gemütlich und ich war nur nervös. Aufgeregt saß ich vor dem Telefon und wartete auf ein Klingeln. Trotz sehr guter Schulung und mentaler Vorbereitung durch meine Freundin, fühlte ich mich wie vor meinem ersten Date. ‚Ob ihm meine Stimme gefällt?’, ‚was, wenn ich ein Black-out habe?’ Die Stimmen in meinem Kopf wurden immer lauter und wilder.

Dann klingelte das Telefon. ‚Hallo, hier ist Lulu’, hörte ich mich sagen‚ wer bist du?’ und dann, Sekunden später: ‚hast du Lust, Frank?’ … Plötzlich war meine Nervosität verflogen. Der Mann am anderen Ende, Frank, hatte eine so fantastische Stimme und eine unglaubliche Fantasie, ich werde das immer in Erinnerung behalten. Er war es, der mich mitnahm in seine Welt, ich musste nur genau zuhören und mich auf ihn einlassen. Das fiel mir überhaupt nicht schwer und ich bemerkte leichte Wehmut, als das Telefonat beendet war. Ich musste erst wieder zu mir kommen. Das geht mir heute noch so, jeder Mann ist anders, jeder hat seine eigene Fanasie und Vorstellung davon, wo und wie wir es treiben. Am Telefon.
Ich habe meine Freundin vier volle Monate vertreten und mich in dieser Zeit infiziert. Ich bin süchtig nach den Telefonaten in den Nachtstunden. Es gibt einfach nichts Vergleichbares. Wenn man liiert ist oder sogar verheiratet, dann muss man – wie ich - darüber offen reden, bevor man sich entscheidet, auf der Line zu arbeiten. Denn das ist eine Beschäftigung, die sehr viel kostet: Zeit, Gefühle und manchmal auch die Partnerschaft. Mein Mann und ich haben beispielsweise deutlich weniger Sex als früher, denn ich bin jeden Abend so satt und zufrieden, dass ich keinen realen Sex mehr brauche.

Sex am Telefon macht mich an

„Ich gebe anderen Männern das, was ihnen bei ihrer Partnerin fehlt. Mein eigener Partner geht um 23 Uhr ins Bett …“

Nachdem die Vertretungszeit vorüber war, telefonierte ich drei Monate nicht mehr auf der Line. Ich hatte ja keine Agentur und somit keinen Login. Außerdem sollte es nur vorübergehend sein, eine Vertretung eben. Doch ich bekam Entzugserscheinungen. Ich wurde unkonzentriert, unausgeglichen und ertappte mich mehr als einmal dabei, wie meine Gedanken abschweiften … zu fremden Männern, von denen ich nur die Stimmen kannte. Mein Hausfrauen-Dasein langweilte mich mehr und mehr. Ich wusste nun, in mir gab es eine andere Seite, eine zweite Lulu, die geweckt war und die mir nun keine Ruhe mehr ließ.

Eine Fernseh-Reportage über Telefonsex gab den Ausschlag. Ich besprach mich mit meinem Mann, dann recherchierte ich die Nummer einer seriösen Agentur. Dort rief ich an und stellte mich vor. Die Chefin der Agentur und ich verstanden uns auf Anhieb prima. Wir hatten die gleichen Gedanken und auch den gleichen Anspruch: Den Telefonsex aus der Schmuddelecke zu holen . Zeigen, dass es eine Dienstleistung ist, die man nicht eben mal zwischen Wäschebergen und Kindergeschrei mit einer Zigarette im Mundwinkel erbringen kann – wie es so häufig dargestellt wird. Meine Erfahrung hat gezeigt, dass Männer, die solche Nummern anrufen in der Regel sehr gebildet sind, oft haben sie einen Doktortitel. Sie lassen sich nicht so einfach abfertigen mit ihrer Lust.

Mittlerweile telefoniere ich wieder – bis auf einen Abend in der Woche, immer zwischen 23h und 5h morgens. Unsere Abende verlaufen daher etwas anders als bei anderen Paaren: Wir essen gemeinsam zu Abend und ich verabschiede mich dann ins Bett. Ich schlafe bis 23h, dann geht mein Mann ins Bett und ich mach mir einen Kaffee, setze mich ins Wohnzimmer und wähle mich über meine persönliche Zugangsnummer und einen Pin-Code in das System eines Erotik-Anbieters ein. Dann schaltet ein Computer meine Werbung auf. Und ich warte, bis sich ein Mann von meiner Stimme, meinem Text angesprochen fühlt – und meine Nummer wählt. Denn in seiner Lust entscheidet er sich für meine Stimme.
Ich musste zu Beginn ein Intro besprechen, das immer dann geschaltet wird, wenn ich mich einlogge. So wissen meine Stammkunden immer genau, wann ich bereit bin. Ein Anruf bei mir kostet die Männer bis zu zwei Euro pro Minute, das Maximum sind 60 Minuten, dann unterbricht der Telefonanbieter das Gespräch – zum Schutz des Kunden.

An meinem ersten Abend hatte ich acht Männer dran und mit jedem Mal fiel es mir leichter, mich auf sie einzulassen und sie selbst auch zu verführen. Doch das längste Gespräch war mein erstes – es dauerte 30 Minuten. Er verführte mich in seinem Bett. Die Orte, wo sich die Männer in ihrer Fantasie gerne befriedigen lassen wollen sind unterschiedlich, die Gesprächsdauer bleibt aber in der Regel die gleiche: Der Schnitt liegt bei sieben bis elf Minuten. Nach jedem Gespräch brauche ich Zeit, um wieder zu mir zu kommen – bevor ich dann den nächsten Anruf annehme.

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Telesex ist meine Sucht

"Nicht Beruf, sondern Berufung – nicht Sucht, sondern Sehnsucht"

Meine engsten Bekannten und Freunde wissen von meiner Berufung – denn das ist es für mich. Die Männer schmunzeln manchmal, die Frauen akzeptieren es einfach. Jedoch: Keiner in meinem Bekanntenkreis kennt meinen Namen auf der Line und ich hatte glücklicherweise noch nie einen Freund in der Leitung. Auch Frauen haben noch keine bei mir angerufen – dürfen sie aber gerne – ich habe keine Tabus. Es gibt nur drei Grundregeln beim Telefonsex, an die sich alle halten:

1. Keine Phantasie mit Kindern und 2. kein Sex mit Tieren. 3. Inszest.

Meine eigene Regel lautet: Ich gehe nur auf die Line, wenn ich den Kopf frei habe. Wenn wir beispielsweise einen Streit in der Partnerschaft hatten oder ich schlecht drauf bin, dann weiß ich, dass ich nicht gut wäre am Telefon. Es ist eine Dienstleistung, die teuer bezahlt wird. Wenn ich die Leistung nicht zu hundert Prozent bringen kann, dann lass ich es. Obwohl es schon kribbelt, wenn ich mal einen Tag nicht auf der Line war – es ist auch das Rollenspiel, das mich reizt – ich bin mal jung, mal alt, mal dominant, mal ergeben - alles, was sich die Kunden wünschen.

Mein Aussehen ist zweitrangig, denn es ist eine Welt, in der es nicht wichtig ist, was das Auge wahrnimmt. Und wenn mich jemand fragen würde, wie lang ich das noch machen möchte, dann würde ich antworten: Bis zu meinem letzten Atemzug – wenn ich auch kein Geld dafür verdienen würde, würde ich dafür bezahlen."
Übrigens: Die sexuelle Erregung durchTelefonsexmit Unbekannten bezeichnet man als Erotophonie.
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