Studie: Geschlecht ist kein (rein) soziales Konstrukt

Die Geschlechterdebatte ist unumgänglich. Jeder spricht gerade darüber. Die Frage, ob Geschlecht mehr als ein soziales Konstrukt ist, haben britische Wissenschaftler jetzt mit einem klaren „Ja“ beantwortet. Ein Kommentar.

Fußgängerampel

Wie sehr werden wir eigentlich von der Gesellschaft in Geschlechterrollen gedrängt?

Gerade sprechen wir mehr denn je über die Rolle von Geschlecht. Traditionelle Geschlechterrollen werden ZUM GLÜCK zunehmend abgeschafft, das Geschlechterspektrum umfasst mittlerweile mehr Optionen als nur "Sie" und "Er"  und gegenderte Produkte wie diese lächerlichen Chips für Frauen werden regelmäßig im Internet verhöhnt. Und all das ist auch gut so. Denn für viele Personen gilt Geschlecht heute als ein soziales Konstrukt, eine Rolle, die Frauen und Männern von der Gesellschaft auferlegt wird und ihre Handlungen diktiert und einschränkt.

Wir sehen das ganz ähnlich. Es ist doch wunderbar, wenn kleine Mädchen heute davon träumen, Maschinenbau zu studieren, statt Friseurin zu werden. Genauso feiern wir alle Männer, die sich schminken, um das Beste aus ihrem Aussehen herauszuholen. Und dass es Leute gibt, die sich weder als Mann noch als Frau bezeichnen würden ist für uns das Normalste auf der Welt. Diese positive Entwicklung führt aber auch dazu, dass man sich manchmal rückständig fühlt, wenn man sich selbst als Frau sieht und Dinge wie die Farbe Rosa mag oder nichts mehr liebt, als stundenlang in der Küche kulinarische Köstlichkeiten zu zaubern … doch auch das ist vollkommen legitim!

Dass selbst emanzipierte Frauen manchmal in die "typischen" Geschlechterrollen passen, hat sicherlich viel mit unserer Sozialisierung zu tun. Unsere Eltern, die Medien und unser gesamtes Umfeld geben uns zahlreiche Vorbilder, die traditionelle Geschlechtertypen verkörpern. Das unterstützt natürlich auch das Argument, dass unser Verständnis von Geschlecht eine soziale Konstruktion ist. Dazu kommen Faktoren wie unsere Erziehung und natürlich auch geschlechterspezifische Förderung in der Kindheit.  Doch Wissenschaftler der City University London haben jetzt Beweise dafür gefunden, dass unser Geschlecht nicht ausschließlich von der Gesellschaft konstruiert ist. Tatsächlich haben die Forscher herausgefunden, dass auch Biologie etwas damit zu tun hat.

So haben die britischen Psychologie-Professoren für diese Erkenntnisse 16 unterschiedliche Studien zu diesem Thema mit den Daten von rund 1.600 Kindern analysiert. Die Untersuchung zeigte, dass die Kleinkinder geschlechtsspezifische Unterschiede aufgewiesen haben. So haben Jungs bei der Wahl ihres Spielzeugs dazu geneigt, mit "Jungen-Spielzeug" zu spielen, während Mädchen eher zu Puppen und Co. gegriffen haben. Daraus schließen die Autoren der Studie, dass wir auch ohne Sozialisierung in unsere biologische Geschlechterrolle schlüpfen.

Die Wissenschaftler aus London konnten allerdings auch nachweisen, dass unsere Erziehung und Sozialisierung diese Tendenz noch verstärken. So haben vor allem ältere Kinder, die bereits mehr Berührungspunkte mit den traditionellen Geschlechterrollen hatten, die geschlechtsspezifischen Spielzeuge gewählt. Kleinkinder waren noch etwas experimentierfreudiger.

Geschlecht ist demnach nur zum Teil ein soziales Konstrukt. Trotz unseren angeborenen biologischen Tendenzen sollten wir die Diskussion über die Art und Weise, wie Geschlecht heute definiert, verstanden, geformt und gelebt wird weiterhin führen. Denn zweifellos spielt unsere Umwelt eine große Rolle dabei, wie wir unsere eigene Geschlechtsidentität finden. Das heißt nicht, dass Frauen nicht Friseurinnen werden dürfen oder dass Männer nicht dem Typus "echter Kerl" entsprechen dürfen. Das heißt nur, dass weiterhin Optionen geschaffen werden müssen, damit jeder Mensch, egal ob Mann, Frau oder irgendwas dazwischen, die gleichen Möglichkeiten hat und sich frei entscheiden kann, in welchem Rahmen er das ausleben möchte.