SM-Sex: Manche mögen’s hart

Sadomaso-Sex scheint der letzte Schrei - schaut man sich die Verkaufszahlen des weltweiten Millionensellers Shades of Grey von E.L. James an. Darin macht ein erfolgreicher Geschäftsmann eine jungfräuliche Studentin zu seiner devoten Sexsklavin - Handschellen, Peitschen und Schläge inklusive. Aber was ist mit denjenigen, für die Handfesseln nicht zu verruchten Trend-Accessoires, sondern zur Sex-Grundausstattung gehören? Bizarr, pervers, abartig – das öffentliche Bild von S&M oder sogar BDSM ist nicht grade vorurteilsfrei. Jolie.de hat mit bekennenden Sadomasochisten gesprochen.

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Devot oder dominant? Beim S&M dreht sich alles um das Machtgefälle zwischen Dom und Sub.

Shades of Grey Autorin hat keine Ahnung von echtem S&M

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Um Folterkammern geht es in der Shades of Grey Trilogie, um Sklavenverträge zwischen einer jungfräulichen Studentin und einem erfolgreichen Millionär und die Kunst des lustvollen Schmerzen-Zufügens. Nichts für Liebhaber von Blümchensex, also.

Wer die mehr als ausführlichen S&M-Sexszenen in den Shades of Grey Büchern liest, könnte auf den Gedanken kommen, dass Autorin E.L. James in ihrem eigenen Erfahrungsschatz kramt. Weit gefehlt: "Ich praktiziere privat gar kein Sadomaso," bekennt die Britin in Interviews freimütig. "Alles, was ich über S&M-Sex schreibe, basiert auf meiner Fantasie und Internet-Recherche."

Kein Wunder, dass sich die echte S&M-Szene über den Erfolg der gedruckten Sex-Fantasie eher amüsiert - und teilweise echauffiert. "Die Szene wird in ein schlechtes Licht gerückt," kann man in hitzigen Diskussionen auf News-Sites wie Jezebel.com oder einschlägigen Foren lesen. "Was da zwischen Anastasia und Christian abläuft, ist keine gesunde Beziehung unter Sadomasochisten, sondern ein Abhängigkeitsverhältnis zwischen einem kontrollsüchtigen Psycho und einer unselbstständigen grauen Maus!"

S&M Sex: Verführung devoter Frauen - ganz anders als in Shades of Grey

Wenn Miriam (23) bei einem Mann Plüschhandschellen aus dem Scherzartikelladen entdeckt, weiß sie, dass sie bei ihm an der falschen Adresse ist. "Plüschhandschellen sind ein sicheres Zeichen dafür, dass er sich mit solchen Dingen nicht auskennt." Gemeint sind S&M-Praktiken: Die junge Studentin ist Sadomasochistin. "Schon immer gewesen", sagt sie.

Mit elf Jahren habe sie schon Vergewaltigungsfantasien gehabt und sich schrecklich dafür geschämt. Als Teenager wehrte sie sich bei den Kussversuchen ihres ersten Schwarms in der Hoffnung, er würde sich die Küsse einfach nehmen. Stattdessen hörte der guterzogene Junge sofort auf und fragte sie besorgt, was los sei.

Mit 18 schlug sie ihrem damaligen Freund vor, sie beim Sex zu fesseln. "Das hat ihn komplett aus der Fassung gebracht. Ich habe also gelacht und ihn gebeten, mich wieder loszubinden. Er war sehr erleichtert." Miriam sprach das Thema nicht mehr an, die S&M-Fantasien verschwanden dadurch nicht.

Sexuelle Unterwerfung häufigste Sex-Fantasie bei Frauen

Sexualwissenschaftler der Indiana State University in den USA fanden heraus, dass Frauen noch häufiger von sexueller Unterwerfung fantasieren, als von dem Quickie mit dem geheimnisvollen Unbekannten.

Die Wenigsten leben diese Wünsche aus: Laut Durex Local Report haben erst vier Prozent der Deutschen Erfahrungen in jenen Spielarten der Sexualität gesammelt, die Szenekundige politisch korrekt als BDSM bezeichnet wissen wollen. Die Abkürzung steht für die Teilbereiche Bondage, Discipline, Dominance, Submission, Sadism und Masochism und vereint Vorlieben wie Schlagspiele und Fesselungen, wie auch heftigere Praktiken wie Branding oder temporäres Piercen.

Psychotest: Wie pervers bin ich wirklich?

Vorurteile gegen S&M

In den Medien erschien S&M vorShades of Greymeist in negativen Kontexten. Zum Beispiel durfte die ehemalige CSU-Landrätin Gabriele Pauli dies erfahren, als sie sich für eine Modestrecke mit Latexhandschuhen ablichten ließ und prompt als "Domina" verspottet wurde, die gleich im "Sado-Maso-Club" anheuern könne.

Ein gängiges Klischee: Sadomasochisten tragen immer Lack und Leder. Dass es auch anders geht beweist Philipp (31) aus Köln. Schlichtes Poloshirt, teure Jeans, Sneaker – nichts an dem Unternehmensberater deutet darauf hin, dass er in seiner Freizeit gerne Frauen demütigt. Natürlich nur, wenn sie es auch wollen. "Ich halte nichts von den Insignien der S&M-Szene", sagt er freimütig. "Außerdem: Wie sollte man denn Lust an mentaler Dominanz und Unterwerfung nach außen demonstrieren? Mit einem ‚Du machst, was ich will’ T-Shirt?"

S&M Sex geht auch ohne Schmerzen

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Philipp ist ein Dom – der dominante Part in einer S&M-Beziehung, die so gar nicht in das Klischee von Lack, Leder und Peitsche passt. Seine 24-jährige Sub (Szene-Begriff für den submissiven Partner in einer SM-Beziehung) hat er durch Zufall kennen gelernt.

Erst war es nur ein ganz normaler harmloser Flirt, dann entdeckte man aber durch Zufall gemeinsame Fantasien und Bedürfnisse. Eine Liebesbeziehung wurde nicht daraus, aber gemeinsam ging man auf Entdeckungsreise. Durch Abgründe? "Nein", lacht Philipp, "kein Latex, kein Blut, keine Sklavenverträge. Meine Sub muss nicht die ganze Zeit in schwarzes Leder gewandet auf den Knien vor mir herumrutschen, mir die Füße küssen und mich mit Herr und Meister anreden.

Wir führen eine sogenannte DS-Beziehung: Dominanz und Submission. Das läuft in erster Linie auf einer mentalen Ebene und erst in zweiter Linie auf einer körperlichen Ebene ab. Um jemanden zu unterwerfen brauche ich nur Worte."

Und was heißt das genau? "Nun, ich habe einfach ein Vergnügen daran, dass diese im normalen Alltag sehr selbstbewusste und starke Frau ihren freien Willen an der Tür abgibt, wenn wir uns treffen. Ich genieße es, sie nur durch Zureden und klare Befehle dazu zu bringen, Dinge zu tun, die sie Überwindung kosten – sei es etwas Sexuelles oder ein bestimmtes Verhalten in der Öffentlichkeit."

Echter S&M nur mit Ehrenkodex

Klingt recht harmlos und weit entfernt von den gefährlichen Praktiken, die immer mal wieder als angeblicher SM-Alltag durch die Medien gepeitscht werden, wenn es ein Sommerloch zu füllen gibt. Da sind von Todesfällen durch Selbststrangulation, Verspeisung von Genitalien und Spielen mit Fäkalien die Rede.

Miriam zuckt mit den Schultern "Klar gibt es welche, die potenziell gefährliche Sachen machen wie Atemkontrolle, Fisting und Nadelspiele. Ich habe aber noch nie gehört, dass jemand aus der Szene einen anderen umgebracht hat. Jemand mit soziopathischen Neigungen ist noch lange kein SMler, wir haben einen Kodex."

"SSC – Safe, Sane & Consensual" ist dieses Motto und bedeutet übersetzt ungefähr "Sicher, bei klarem Verstand und in gegenseitigem Einverständnis". Dieser Kodex soll SM-Praktizierende vor Missbrauch und Schäden schützen und den Aspekt der Freiwilligkeit betonen.

"Vertrauen ist das Wichtigste", sagt Miriam "Vertrauen darin, dass ich meine eigenen Grenzen erkenne und darin, dass mein Partner Absprachen als verbindlich ansieht und diese einhält. Ist das nicht der Fall, geht gar nichts."

Also ganz anders, als Christian und Anastasia aus Shades of Grey ihre vermeintliche Sadomaso-Beziehung führen.