Nahtoderfahrung - Ich war 23 Minuten tot

- Christine Stein wird nach einem Unfall notoperiert. Als ihr Herz stehen bleibt, hat sie eine Nahtoderfahrung. Ein Ereignis, das ihr Leben verändert. Auch Prominente wie Sharon Stone und Bill Clinton glauben, dass sie bereits eine solche Erfahrung gemacht haben. Mehr dazu erfahrt ihr hier!

Gibt es Nahtoderfahrungen?

Nahtoderfahrung - gibt es das wirklich?

Mein Körper liegt auf dem OP-Tisch, der Brustkorb ist ge­öffnet. Ich schwebe unter der Decke und sehe auf mich herunter. Die Chi­rurgen sagen: ‚Schneller, wir verlieren sie!‘ Ich empfinde nichts. Bin nur erstaunt. Und dann ist da dieses Licht. Es ist wunderschön. Plötzlich habe ich warmen, weichen Boden unter den nackten Füßen. Meine Großeltern kommen auf mich zu. Sie rufen ‚Tine!‘ und umarmen mich. Sie sind gestorben, bevor ich alt genug war, mich an sie zu erinnern. Ich muss also tot sein.

Das sind Christine Steins Erinnerungen an ihren Tod. Am 22. April 2000 ist die damals 19-Jährige 23 Minuten lang klinisch tot – bis die Ärzte es schaffen, sie zu reanimieren. Was sie erlebt hat, nennt man Nahtoderfahrung.

Ist die Nahtoderfahrung Halluzination?

„Bis jetzt gibt es nur unbelegte Thesen, was genau bei einer Nahtoderfahrung im Körper passiert“, sagt der Neurologe Wilfried Kuhn, der sich seit 25 Jahren mit dem Thema auseinandersetzt. „Die Wissenschaft stößt hier an ihre Grenzen. Sauerstoffmangel oder Narkotika können in der Tat solche Halluzinationen auslösen. Aber wenn es nur Wahnvorstellungen sind, wie kann ein Patient Dinge sehen, während er klinisch tot ist – etwa, dass der Bruder im Wartesaal raucht, obwohl er Nichtraucher ist?“

Die Soziologin Ina Schmied-Knittel vom Institut für Grenzgebiete der Psychologie und Psychohygiene in Freiburg sagt: „Nahtoderfahrungen sind faktisch real. Fünf Prozent der Weltbevölkerung hatten eine. Und, wie eine Studie unseres Instituts ergeben hat, vier Prozent der Deutschen. Das sind drei Millionen. Interessant ist auch: Es sind immer dieselben Motive, egal wo und in welcher Kultur die Erfahrung gemacht wurde – das Verlassen des eigenen Körpers (Out-of-body-Experience), die Begegnung mit längst Verstorbenen und ein Ablaufen des eigenen Lebens als Film. Allerdings variieren sie individuell.

Eine Frau aus Indien zum Beispiel hat eine heilige Kuh erblickt, eine Frau aus einem bayerischen Dorf die lokalen Schutzheiligen.“ Was die Studie auch zeigt: Der klinische Tod geht nicht immer der Nahtoderfahrung voraus. Knittel: „Die Situation muss nur subjektiv bedrohlich sein. Es kann also auch bei einer Blinddarm-Entfernung passieren.“ Bei Christine Stein war es kein Routineeingriff. Die Chi­rurgen mussten um das Leben der heute 27-Jährigen schwer kämpfen.


Der Unfall

Unfall Nahtoderfahrung

„Ich war im Kombi meiner Mutter unterwegs. Im Radio lief ‚Killing Me Softly‘ von den Fugees“, erzählt Tine – so wird sie von allen gerufen. An einer Kreuzung hält sie am Stoppschild. Ein Lkw kommt von links, hat den rechten Blinker gesetzt. Christine fährt los. Doch der Lkw biegt nicht ab. Er rammt ihr Auto, schiebt es in den Graben, kippt und begräbt den Kombi unter sich. Als Christine aufwacht, kann sie sich nicht an den Zusammenstoß erinnern. Sie hat auch keine Schmerzen.

Obwohl die spätere Diagnose lautet: Riss der Hauptschlagader und der Milz, Quetschung von Lunge und Gehirn, Blutung im Brustkorb, Gehirnblutung, Rippenbrüche, Becken-, Schlüsselbein- und Gesichtsknochenbruch. Die Feuerwehr muss Christine aus dem Wrack schneiden. „Ein Sanitäter hat mir die Hand gestreichelt und mir gut zugeredet, dass der Hubschrauber gleich kommt“, erinnert sie sich. Im Krankenhaus wird sie sofort operiert. Die Hauptschlagader wird genäht, die Milz entfernt. Christines Leben ist gerettet. Doch fünf Stunden später muss sie noch mal unters Messer. Die Aorta ist wieder gerissen. Dann wird sie zwölf Tage ins künstliche Koma versetzt. „Der Arzt meinte zu meinen Eltern, sollte ich je wieder aufwachen, hätte ich wahrscheinlich geistige Behinderungen.“

Doch Christine erstaunt alle. Zwei Wochen nach dem Aufwachen aus dem Koma, ist ihr Zustand stabil. Sie will nach Hause. „Rumliegen kann ich auch in meinem Bett“, sagt sie. Fünf Tage später passiert es: Die Aorta reißt zum dritten Mal auf. „Ich hustete Blut. Ich erinnere mich an den Geschmack. Und mein Bauch war von den inneren Blutungen so dick, als wäre ich schwanger.“ Christine ist so geschwächt, dass die Chi­rurgen sie bei dieser dritten OP verlieren.


Transzendentale Begegnung mit den Großeltern

Autounfall Nahtoderfahrung

„So eine Farbe habe ich noch nie gesehen. Ein helles Pastell.“ Christine schwebt immer höher. „Ich habe dabei nichts empfunden. Aber ich dachte ‚Vielleicht bin ja jetzt ein Engel‘. Ich habe mich so leicht gefühlt. Alles war warm, auch der wattige Boden unter meinen Füßen.“ Plötzlich ist sie von vielen Menschen umringt, die sie begrüßen. Darunter ihre Großeltern. „Ich kannte sie nur von Fotos, aber sie waren mir sofort vertraut.

Mir wurde klar: Ich muss im Himmel sein. Und das empfand ich in dem Moment als vollkommen normal.“ Ihre Großeltern zeigen ihr alles. „Da war ein Glas im Boden. Ich habe durchgesehen und an meine Familie gedacht. Da sah ich sie: Sie saßen im Wartesaal des Krankenhauses, haben gebetet und geweint. Ich wollte ihnen sagen, dass es mir gut geht. Aber das ging nicht. Das war schlimm.“

Ihre Großeltern sagen irgendwann: „Tine, du musst dich verabschieden. Deine Zeit ist noch nicht gekommen. Du hast noch eine große Aufgabe vor dir. Wir können dir nicht sagen, was es ist, aber du wirst dadurch vielen Menschen helfen.“ Christine erinnert sich: „Ich musste so weinen, ich fand, unser Treffen war zu kurz. Aber schon kribbelte es am ganzen Körper, und ich war wieder im OP-Saal. Ich hörte, wie die Chirurgen riefen: ‚Wir haben sie wieder!‘“


Wie umgehen mit Nahtoderfahrungen?

„Dort sprechen mich viele Menschen an. Ich kann Angehörigen, die jemanden verloren haben, Trost spenden“, so Christine. „Vielleicht war das die Aufgabe, von der mein Opa sprach.“ Woher sie weiß, dass sie nicht nur halluziniert hat? „Als ich mich von meinen Großeltern verabschiedet habe, weinte ich. Später haben mir die Chirurgen meine Tränen bestätigt – obwohl es körperlich während einer Narkose unmöglich ist zu weinen. Außerdem habe ich meiner Mutter ihre Eltern beschrieben. Sie war völlig erstaunt. Über solche Details, wie ich sie wusste, hatten wir nie gesprochen.“

„Viele Menschen suchen nach einem Nahtoderlebnis nach Authentizitäts-Beweisen“, sagt der Psychologe, Theologe und Philosoph Joachim Nicolay, stellvertreten­der Vorsitzender des „Netzwerk Nahtoderfahrung“ (IANDS). „Denn ihre Erlebnisse werden häufig von Familie und Angehörigen nicht ernst genommen. Die Betroffenen fühlen sich bei der Verarbeitung des Erlebten auf sich allein gestellt.“ Nahtod­erfahrungen verändern ein Leben nachhaltig. „Es gibt viele Fälle, in denen die Betroffenen gerne in der ‚anderen Welt‘ geblieben wären. Sie sind in die Realität zurückgekehrt, können damit aber nicht umgehen. Es entstehen Schuldgefühle, zum Beispiel, weil sie bereit waren, die ­Familie zu verlassen“, so Nicolay. „Auch das Umfeld der Betroffenen hat es nicht leicht. Wie reagiert man richtig, wenn der sonst höchst rationale Freund plötzlich ­offen für Spirituelles ist?“

Laut einer ­Studie können die Nachwirkungen einer Nahtoderfahrung nach mehreren Jahren stärker zu spüren sein als direkt nach dem Schlüsselerlebnis. „Wer zu schnell wieder im Arbeitsalltag eingespannt ist, verar­beitet weniger. Das holt einen irgendwann ein“, so Nicolay. Wie bei Christine Stein. Acht Jahre nach dem Unfall hat sie ein Jahr Auszeit genommen und bereist Australien. „Ich wollte Abstand von dem Unfall und dem Erlebnis“, sagt sie. „Aber mir ist – auch durch dieses ­Interview – klar geworden, dass die Er­fahrung ein fester Teil von mir ist, den ich nicht ablegen kann.“

Heute weiß sie jede Kleinigkeit zu schätzen, versucht, ­jeden Tag zu genießen. „Wenn es regnet, schimpfe ich nicht. Denn es ist schön, ­diesen Regen erleben zu dürfen.“ Glaubt sie jetzt an Gott? „Es gibt da etwas, egal, wie man es nennt. Jeder sollte an etwas glauben. Das gibt Kraft.


Promis mit Nahtoderfahrungen

Sharon Stone und Bill Clinton haben schon Nahtoderfahrungen gemacht

Sowohl Sharon Stone als auch Bill Clinton sollen schon Nahtoderfahrungen gemacht haben.

Diese Hollywood-Stars haben das Phänomen auch erlebt: Sharon Stone ­hatte durch eine geplatzte Arterie innere Blutungen – und flog auf ein weißes Licht zu. „Ich sah Freunde, die schon gestorben waren.“ Weitere Stars mit Nahtoderfahrungen: Jane Seymour (Dr. Quinn), William Petersen (CSI), Regisseur George Lucas, Elizabeth Taylor. Und auch Bill Clinton erzählte nach seiner schweren Herzoperation (2010) von einer solchen Erfahrung. Er sah einen Kreis aus Licht und die Bilder geliebter Menschen.


Weitere Facts zur Nahtoderfahrung

● Berühmtester Film „Flatliners“ mit Julia Roberts und Kevin Bacon. Junge Ärzte ­experimentieren an sich mit künstlich her­vorgerufenen Nahtoderlebnissen herum.

● Hilfe für Betroffene Das „Netzwerk Nahtoderfahrung e. V.“ macht sich für das bessere Verständnis des Phänomens und den Dialog in der Gesellschaft stark. Es bietet Gruppengespräche für Betroffene und Seminare an.

Info unter http://www.netzwerk-nahtoderfahrung.org/

Christine Steins Buch „Like an Angel – einmal Himmel und zurück“ (ca. 9 Euro), erhältlich bei amazon

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