Intersexualität: Warum es wichtig ist, Geschlechter nicht binär einzuordnen

Etwa 1,7 Prozent der Weltbevölkerung sind intersexuell. Sie können entweder genetisch, hormonell oder anatomisch nicht eindeutig dem männlichen oder weiblichen Geschlecht zugeordnet werden. Obwohl Intersexualität ein vergleichsweise weitverbreitetes Phänomen ist, ist es noch immer ein Tabuthema. Betroffene Kinder werden zu geschlechtsangleichenden Operationen gezwungen. Warum diese Praktik unbedingt ein Ende haben muss - und wir Menschen nicht binär nach äußerlichen Kriterien bewerten sollten.

Model Hanne Gaby Odiele ist das Gesicht der Intersexuellen-Bewegung

Model Hanne Gaby Odiele ist das Gesicht der Intersexuellen-Bewegung

Intersexualität: Das Geschlecht als Tabuthema

Intersex-Aktivismus hatte jahrelang kein Gesicht. Erst im Jahr 2013 verschaffte der Roman „Golden Boy“ von Abigail Tarttelin dem Thema zum ersten Mal öffentliche Aufmerksamkeit. Und das, obwohl Intersexualität relevanter ist als viele auf den ersten Blick denken mögen. Bis zu 1,7 Prozent der Bevölkerung sind intersexuell. Zum Vergleich: Der Anteil an Rothaarigen an der Weltbevölkerung liegt bei knapp über 1 Prozent.

Der „Golden Boy“ war der hübsche Teenager Max, der darum kämpft, seine Intersexualität vor seinen Freunden und dem Mädchen, das er liebte, zu verbergen.

In einem Interview mit dem Interview Magazine sagte seine Schöpferin Tarttelin: „Leserinnen und Leser schrieben mir, wie viel es ihnen bedeutet, endlich einen Protagonisten zu sehen, der das gleiche durchmacht wie sie. Ich schrieb mit diesen Kindern hin und her; die meisten waren selbstmordgefährdet. Aber sie fühlten sich weniger allein, nur weil sie wussten, dass es eine fiktive Person gab, die verstand, was sie durchmachen“.

Dennoch war es Fiktion: Intersexualität blieb auf der realen Bühne weitgehend unsichtbar. Die Jugendlichen hatten Angst vor einem Coming-out, Angst davor, mit ihren Problemen alleine zu sein; anders zu sein, nicht geliebt zu werden. Es gab keine Community, kein reales Gesicht mit dem sich betroffene identifizieren konnten, das ihnen Mut machte und das Gefühl gab doch „normal“ zu sein.

Hanne Gaby Odiele: „Ich bin stolz, intersexuell zu sein.“

Bis im Januar das belgische Supermodel Hanne Gaby Odiele in einem Interview mit USA Today offen Stellung bezog und bekanntgab, dass sie intersexuell ist.Ein medialer Paukenschlag, der endlich Licht auf ein Thema brachte, das viel zu lange betreten verschwiegen wurde - und das bei betroffenen Kindern bis heute bereits im Kindesalter schmerzhafte OPs und Hormontherapien mit sich zieht.

Odiele selbst wurde mit männlichen XY-Chromosomen sowie internen Hoden geboren, die ihre Eltern operativ entfernen ließen, als sie zehn Jahre alt war. Mit 18 Jahren unterzog sie sich einem weiteren Eingriff, um ihre Vagina wiederherzustellen. Eine Prozedur die dem belgischen Model die Jugend nahm:

Wie die meisten Intersex-Kinder wurde ich einer unnötigen, nicht mehr rückgängig zu machenden Operation ausgesetzt, der ich nicht einwilligen konnte. Diese Operationen verursachen sehr viel mehr Leid als Wohl

schreibt Odiele in einem Facebook-Post „Das muss ein Ende haben.“

Quasi über Nacht, nachdem Odiele mit ihrer Geschichte an die Öffentlichkeit ging, hatte die Intersex-Community ein neues Gesicht, einen neuen „Max“, aber dieses Mal war sie eine reale Person. Eine Person, die mit sich im Reinen ist, trotz ihrer schweren Kindheit.

Das Model wurde das Gesicht der InterACT-Bewegung, die sich offen gegen geschlechtsangleichende Operationen und Hormontherapien bei Kindern einsetzt. Denn diese OPs werden ohne das Einverständnis der Kinder von Ärtzten gleich nach der Geburt veranlasst. Gründe sind oft Unsicherheit und Angst. Angst davor, ein Kind aufzuziehen das nicht der „Norm“ entspricht. Ärzte, die unwissende Eltern unter Druck setzen um ihrem Kind ein vornehmlich „normales“ Leben zu ermöglichen.

Geschlechtsangleichende Operationen bei Kindern verstoßen gegen Menschenrechte

Doch dass Operationen und Hormontherapien Kinder psychisch belasten – und der Fakt, dass sie ihre sexuelle Identität im Kindesalter noch nicht finden können, bleibt ein Tabu. Geschlechter gelten schließlich als binär. In der Geburtsurkunde stehen bloß zwei Felder zur Auswahl: männlich oder weiblich.

Einen Vorstoß schafften im Jahr 2015 die Vereinten Nationen, die solche nicht einvernehmlichen Genitaloperationen als Menschenrechtsverletzungen einstuften. Dennoch wird die Praxis weiterhin fortgeführt. Eine Tatsache, die Hanne Gaby Odiele mit ihrem öffentlichen Coming-out unbedingt aus der Welt schaffen will - und die gerade in Zeiten von Gender-Fluidity auch schlichtweg nicht mehr zeitgemäß ist.

Wenn Hanne Gaby Odiele über Intersexualität spricht, dann auf eine Art und Weise, die zeigt, dass sie eine positive Einstellung zu ihrem Körper hat, und Intersexualität eben eine andere Art von „normal“ ist. Der Schlüssel liegt bei Selbstakzeptanz und dem Fakt, dass nicht das Geschlecht definiert, wer wir sind, sondern unsere Taten, unser Charakter - egal ob intersexuell, transsexuell oder homosexuell, heterosexuell oder was auch immer. Ein offener Umgang ist die einzige Möglichkeit, Diskriminierung und vorschnelle Entscheidungen, die über das Leben eines Kindes entscheiden, zu verhindern.