Heute schon gelogen?

Bestimmt! Denn Schwindeln und kleine Ausreden gehören zum täglichen Leben. Sie glauben, Jolie.de lügt Sie an? Dann lesen Sie mal

Kleine Schwindeleien erleichtern das Leben, oder? (Bild: Getty Images)

Kleine Schwindeleien erleichtern das Leben, oder? (Bild: Getty Images)

Es ist zwei Uhr nachts, Sie hatten Sex mit einem Mann, den Sie seit Wochen begehren. Sie raunen ein laszives: „Oh, es war wirklich super!“ Möglicherweise sagt er darauf: „Oh, fand ich auch.“ So liegen sie beide da, gelöffelt und glücklich. Sind Sie auch. Dabei war für Sie diese erste Nacht gar nicht soooo super. Wenn Sie da an Ihren Ex denken ... Egal. Schließlich entwickelt sich ein Sexualleben – und die Liebe braucht positive Verstärker. Im schönsten Fall ist es ein ehrliches Kompliment, und wenn man das nicht machen kann, flunkert man eben ein bisschen. Das ist in Ordnung, auch wenn es eine kleine Lüge ist, eine Notlüge eben. Denn die Wahrheit ist: Wir „notlügen“ alle! Laut einer Studie bis zu 200-mal am Tag! US-Psychologe John Frazer behauptet: „Zu Recht. Denn Schwindler sind glücklicher und haben mehr Freunde.“ Wir belügen andere ja nicht, weil wir ihnen Böses wollen. Sondern: 41% flunkern, um sich Ärger zu ersparen, 14%, um sich das Leben bequemer zu machen, und 8,5%, um geliebt zu werden. Betreffs der ersten Nacht können Sie also beruhigt einschlafen: völlig richtig reagiert!

Mit Schwindeleien tricksen wir uns durchs Leben und sammeln Sympathiepunkte. Das ist auch der Unterschied zwischen Lüge und Flunkerei: Notlügen ist man sich meist nicht bewusst. Und sie haben für das Gegenüber keine nachteilige, sondern eine aufmunternde Wirkung.

Komplimente sind der Königsweg: „Ihre Stiefel sind ja toll! Die hätte ich auch gern!“, sagen Sie zu einer Kollegin. Dabei wären die Schuhe völlig ungeeignet für Sie, weil Sie darin aussehen würden wie eine Wurst auf Beinen. Egal – die Kollegin freut sich.

Flunkereien sind kleine Stimmungs-Highlights. Und im SOS-Fall werden sie zu großen Trostpflastern: „Der nächste Kerl wird bestimmt besser!“, sagen Sie zu Ihrer Freundin mit Liebeskummer – obwohl Sie nicht mit übersinnlichen Fähigkeiten ausgestattet sind. Oder: „Ich ruf dich an!“ – die beliebteste aller Ausreden in der unendlichen Geschichte der kommunikativen Missverständnisse zwischen Mann und Frau. Meldet er sich nicht, wollte er Sie vielleicht gar nicht tagelang in der Warteschleife hängen lassen. Sondern: Der Kerl ist ein Vermeider: geht vielleicht einem kleinen Drama aus dem Weg und/oder will Ihnen schlicht nicht wehtun.

Manchmal bleibt uns auch nichts anderes übrig, als Dinge schönzureden. „Wir können uns der Dynamik von Lügen gar nicht entziehen“, so der Wiener Soziologe Peter Stiegnitz. Seiner Meinung nach gibt unsere Gesellschaft auch ein Gerüst anerkannter Notlügen vor. Während eines Vorstellungsgespräches zum Beispiel flunkern Sie über Lücken im Lebenslauf hinweg und machen Interrail-Reisen zu Bildungsurlauben. Stimmt ja auch irgendwie: Haben Sie während des Trips nicht die gesamte südeuropäische Männerwelt kennen gelernt?

So, und zum Schluss noch mal die ganze Wahrheit: „Lügen ist erlaubt und nützlich, soweit man anderen damit keinen Schaden zufügt“, sagt Peter Stiegnitz. Doch: Wenn Sie einer anderen Person die Schuld für Ihr Missgeschick geben, sie belasten oder sogar beleidigen, ist es ein No-Go. Also immer an den Unterschied denken: Große Lügen haben kurze Beine, während wir mit kleinen Flunkereien geschickt durchs Leben laufen.