Deshalb sollte die katholische Kirche keine Angst vor der Ehe für alle haben

- ENDLICH sind deutsche Politiker bereit dazu, gleichgeschlechtliche Ehen – die Ehe für alle – zu legalisieren. Doch natürlich stellt sich die Kirche quer. Unser Autor Markus, ein Mitglied der LGBTQIA-Community, nimmt dazu Stellung. 

Lesbisches Paar mit Baby

Der deutsche Bundestag wird die Ehe für alle voraussichtlich Ende Juni 2017 beschließen

Das deutsche Eherecht kennzeichnet die Ehe durch die Merkmale, dass Ehegatten unterschiedliche Geschlechter haben müssen, nicht anderweitig verheiratet sein dürfen und kein enges verwandtschaftliches Verhältnis haben sollen. Doch das erste Merkmal könnte schon bald von dieser Liste entfernt werden. So stehen wir ganz kurz vor der Öffnung der Ehe für alle. Noch im Juni 2017 wird der Bundestag über neue Gesetze entscheiden. Das bedeutet: schon sehr bald könnte die gleichgeschlechtliche Ehe endlich auch in Deutschland zugelassen werden, nachdem selbst Länder wie die USA diese Entscheidung bereits zwei Jahre zuvor getroffen haben.

Das sind nicht nur gute Nachrichten für die deutsche LGBTQIA-Community, sondern für das gesamte Land. Es wäre ein Zeichen für Diversität, Toleranz und Fortschritt. Doch es gibt natürlich wieder den einen üblichen Verdächtigen, der uns allen die Suppe versalzen möchte: die katholische Kirche. So weigert sich die katholische Kirche konsequent, ihre antiquarische Einstellung zur gleichgeschlechtlichen Ehe zu überdenken. In einer Pressemitteilung hat die Deutsche Bischofskonferenz jetzt betont, dass „die Ehe – nicht nur aus christlicher Überzeugung – die Lebens- und Liebesgemeinschaft von Frau und Mann als prinzipiell lebenslange Verbindung mit einer grundsätzlichen Offenheit für die Weitergabe von Leben ist“.

Allein in diesem kurzen Statement finde ich viele Denkfehler. Erstens ist diese Definition der Ehe tatsächlich ein rein christliches Verständnis des Begriffs. Wenn wir die Ehe aufgrund der oben genannten Kriterien aus dem deutschen Eherecht verstehen, so spielt der reproduktive Gedanke hier überhaupt keine Rolle. Tatsächlich fehlen im Eherecht Vorschriften, die Sex und Kinderplanung regeln. Im Gegenteil: Verheiratet zu sein ist kein Anspruch auf Geschlechtsverkehr. Zweitens würde die kirchliche Auffassung von Ehe ja auch bedeuten, dass nur Paare heiraten dürften, die planen, Kinder zu kriegen. Müsste dann nicht vor jeder Eheschließung, sowohl standesamtlich als auch kirchlich, geklärt werden, ob das Paar Kinder zeugen möchte? Und sollte dann nicht jedem Paar, das diese Frage verneint, das Recht zu heiraten untersagt werden … in etwa so, wie die Kirche gleichgeschlechtlichen Paaren das Recht auf Ehe verwehren möchte? Und drittens lässt sich die Kirche in ihrer eigenen Definition von Ehe Hintertürchen offen. Wenn die Deutsche Bischofskonferenz die Ehe als eine „prinzipiell lebenslange Verbindung“ sieht, gestattet sie unter verdeckter Hand auch die Scheidung. Die Doppeltmoral, dass die Kirche ein Auge für scheidungswillige heterosexuelle Paare zudrücken kann, sich aber weigert, ihre Ansicht zur gleichgeschlechtlichen Ehe zu überdenken, möchte mir nicht ganz eingehen.

Ferner heißt es in der Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferenz: „Wir sind der Auffassung, dass der Staat auch weiterhin die Ehe in dieser Form schützen und fördern muss.

Wie man sich vielleicht vorstellen kann, habe ich auch hierzu einiges zu sagen. Natürlich stellt sich als erstes die Frage, inwiefern die Ehe für alle die katholische Auffassung der Ehe bedrohen könnte. Es ist ja nicht so, als ob die Ehe zwischen zwei Partnern des gleichen Geschlechts die traditionell-christliche Ehe in irgendeiner Art und Weise betrifft. Man würde durch die Legalisierung der Ehe für alle lediglich gleichgeschlechtlichen Paaren dieselben Rechte geben, die heterosexuelle Paare auch haben. Barmherzigkeit und Nächstenliebe sind fundamentale christliche Werte, an die sich die katholische Kirche einfach nicht zu erinnern scheint, wenn sie die traditionelle Ehe durch die Ehe für alle bedroht sieht. Darüberhinaus ist es zweitens auch mehr als fraglich, inwiefern es die traditionelle Ehe noch verdient hat, geschützt zu werden. So werden laut Statista 41 Prozent aller Ehen in Deutschland geschieden, die durchschnittliche Ehe hält nur knapp 15 Jahre und fast jedes fünfte Kind stammt aus einer Scheidungsfamilie. Es scheint also nicht wirklich so, als ob die traditionelle Ehe so gut funktionieren würde …

Ich wünsche mir von der katholischen Kirche, einer Einrichtung die für Moral, Liebe, Hoffnung, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Recht steht, dass sie sich künftig mehr auf diese Werte besinnt und ihre Einstellung zur Öffnung der Ehe für alle noch einmal überdenken würde um schließlich einzusehen, dass sich dadurch für die Kirche nichts ändern würde … ganz im Gegenteil zu den vielen Mitgliedern der LGBTQIA-Community, die dadurch endlich die gleichen Rechte wie ihre heterosexuellen Mitbürger erhalten würden.