Wie dünn ist zu dünn?

Pünktlich zur Mailänder Fashion Week präsentierte das Label Nolita seine neue Kampagne: Starfotograf Oliviero Toscani fotografierte für die italienische Modemarke keine hübschen Kleider an sexy Models, sondern eine nackte, ausgemergelte junge Frau, die aus tiefen Höhlen verstört in die Kamera schaut. "No anorexia" ist die Überschrift: "Nein zur Magersucht".

Nolitas aktuelle Kampagne

Nolitas aktuelle Kampagne "No Anorexia", www.nolita.it

Toscani ist bekannt für seine Schockfotos von wahlweise AIDS-kranken Menschen oder blutverschmierten Hemden für seinen ehemaligen Auftraggeber Benetton. Nolita hingegen hat bisher eher durch sexy und trendige Kleidung in den Größen XS bis L auf sich aufmerksam gemacht, als durch besonderes Gesundheitsbewusstsein. Eine reine PR-Masche?

Auf seiner Website erklärt das Modelabel, dass es mit der Aufsehen erregenden Kampagne ein Zeichen gegen den alarmierenden Magerwahn setzen will, verursacht durch falsche Stereotypen in der Modewelt und TV-Realität. Schöne Idee, doch blättert man die Kataloge und alten Anzeigen von Nolita durch, lächeln einen genau die Stereotypen an, vor denen das Label warnt: Dünn ist sexy. Sehr dünn ist sexy ...

Das fotografierte Modell ist die 27-jährige Französin Isabelle Caro, die seit 14 Jahren (!) an der Krankheit leidet und hofft, dass sie mit den verstörenden Fotos anderen Betroffenen helfen kann. Allein in Deutschland leiden laut der Münchner Beratungsstelle für Essgestörte ANAD e.V. rund fünf Prozent der 14- bis 35-jährigen Frauen in Deutschland an Bulimie oder Magersucht und haben wahrscheinlich auch einen entsprechend schlechten BMI . Die Reaktionen auf die extreme Kampagne sind gemischt: Während Modedesigner und das italienische Gesundheitsministerium Nolita und Toscani applaudieren und für ihren "Mut" loben, fürchten Gesundheitsexperten den Nachahmungseffekt der Kampagne.
Durch die andauernde Size-Zero-Debatte und immer neuen Fotos von erschreckend mageren Hollywoodstars wie Keira Knightley scheint das Thema Magersucht in den Medien übersättigt. Doch gerade zu den aktuellen Fashion Weeks ist das Thema aktueller denn je: Als während der spanischen Modewoche 2006 ein Modell vor Erschöpfung zusammenbrach und starb, veranlassten Organisatoren panisch neue Richtlinien für die Fashion Weeks. In Italien muss ein Modell mindestens 16 sein und ein ärztliches Attest über ihre Gesundheit vorzeigen. Viel gebracht hat das nicht: In New York, London und Mailand staksten wieder junge Frauen über die Laufstege, die bloß aus Haut und Knochen zu bestehen schienen.

Man kann sich darüber streiten, ob eine Magersucht-Kampagne eines Modelabels ehrliches Bewusstsein oder berechnende Marketingstrategie ist. Eines hat sie auf jeden Fall erreicht: Die Debatte um einen furchtbaren Trend neu entzündet.

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