"Unschuldig" - das Schicksal von Schapelle Corby

- Mit 14 Frauen in eine stickige Zelle eingesperrt, die regelmäßig von der Toilette überschwemmt wird. Nachts laufen Ratten über die Schlafenden. Was klingt wie aus einem Horrorfilm, ist das Leben von Schapelle Corby - oder besser: war. Die Australierin saß seit 2005 in einem Gefängnis auf Bali, verurteilt zu 20 Jahren Haft wegen Drogenschmuggels. Im Februar 2014 dann die Wende im Prozess: Schapelle Corby kommt auf Bewährung frei. Lest hier noch einmal die unfassbaren Ereignisse und wie es überhaupt zu dem Prozess für Schapelle Corby kam.

Schapelle Corby hinter Gittern

Schapelle Corby hinter Gittern in Bali - ein unfassbares Schicksal.

Schapelle Corby ist frei

Indonesien hat eines der härtesten Drogengesetze der Welt. Auf den Besitz kleinster Mengen stehen jahrelange Haftstrafen, im schlimmsten Fall die Todesstrafe. Und: Es gibt keine Unschuldsvermutung. Wer nicht zweifelsfrei seine Unschuld beweisen kann, wird verurteilt. Dieses Schicksal ereilte die Australieren Schapelle Corby - doch im Februar 2014 kam die überraschende Wendung: Die heute 35-Jährige ist auf Bewährung frei. Noch bis 2017 darf sie das Land nicht verlassen, muss sich strengen Auflagen unterziehen. Doch wie kam es überhaupt so weit?

"Unschuldig" - 20 Jahre im Gefängnis

Ferien im Paradies: Schapelle Corby ahnt nicht, was ihr bevorsteht, als sie am 8. Oktober 2004 für den Flug nach Bali eincheckt. Die Studentin freut sich auf zwei Wochen Surf-Urlaub, zusammen mit ihren Freundinnen Ally und Katrina und ihrem Bruder James. Sie albern herum und machen sich über Ally lustig, die ihren Koffer mit Schlössern gesichert, aber schon jetzt den Schlüssel verloren hat."Wir fliegen doch nur nach Bali", lacht Schapelle ihre Freundin aus. "Wie ich diese Worte bereue...", sagt sie später.

Nachdem das Gepäck – Koffer und Surfboards – eingecheckt ist, schießt Schapelles Mutter ein Foto der Truppe. Es soll das letzte sein, das ihre Tochter in Freiheit zeigt. Angekommen in Denpasar, kann Schapelle im Trubel am Gepäckband ihre Boogieboard-Tasche nicht entdecken. Sie findet sie ein paar Meter weiter auf dem Boden – und bemerkt, dass der Tragegriff durchgeschnitten ist. Schapelles Gedanke: "Diese Idioten am Flughafen!" Dann legt sie die Tasche auf den Schalter der Zollkontrolle. Bereitwillig öffnet sie den Reißverschluss. "Das war der Moment, in dem mein altes Leben aufhörte zu existieren", sagt Schapelle heute.

Schapelle Corby: Schmuggelte sie wirklich Drogen?

Schock am Flughafen: "Ich merkte sofort, dass sich noch etwas anderes in der Tasche befand", erzählt die Australierin. Dann erkennt sie den typischen Geruch von Marihuana. In Panik schließt sie die Tasche wieder. "Ich konnte kaum noch atmen. Das war nicht meins und ich hatte keine Ahnung, wie es in meine Tasche gekommen war. Was war hier los?" Hektik bricht aus, Schapelle wird in einen Nebenraum gebracht, ihre Tasche untersucht. Die Studentin traut ihren Augen nicht: Auf dem Boogieboard liegt ein riesiger Plastiksack, prall gefüllt mit Marihuana."Ich saß fassungslos da. Sprechen konnte ich nicht – ich war zu geschockt", sagt Schapelle. "Wer konnte mir nur so etwas antun?"

Schapelle Corby Gefängnis

Doch für die Polizei ist klar: Die Drogen gehören Schapelle – schließlich waren sie in ihrer Tasche. Sie wird zu einer Polizeistation gebracht und in eine Zelle im Keller gesperrt, ohne Möbel, mit Zementboden und einer völlig verdreckten Toilette."Nie zuvor hatte ich mich so alleingelassen gefühlt", erinnert sich Schapelle. "Ich hatte doch nichts getan! Ich rollte mich auf dem nackten Zement zusammen. Die ganze Nacht brachte ich kein Auge zu."

Trotzdem versucht sie sich zu beruhigen: In zwei Tagen, am Montag, öffnen die Flughafenbüros in Australien – Schapelle ist überzeugt, dass der Irrtum sich dann aufklären wird. "Mein Gepäck wurde doch durchleuchtet und gewogen, es gab Videokameras – irgendetwas musste meine Unschuld beweisen. Ich war sicher, dass ich bald freikommen würde." Doch nichts von alldem soll ihr helfen, nicht nach zwei Tagen, auch nicht nach zwei Jahren...

20 Jahre für Schapelle Corby: Urteil über Leben & Tod

36 Tage verbringt Schapelle in der schäbigen Zelle, dann wird sie ins nahe gelegene Kerobokan-Gefängnis gebracht – die Hölle auf Erden. Mit anderen Frauen teilt sie eine schmutzige Gemeinschaftszelle, umgeben von Ungeziefer. "Nie hätte ich mir träumen lassen, jemals so leben zu müssen. Trotzdem versuchte ich, stark zu sein – alleine für meine Familie, die mittlerweile angereist war. Ich konnte es nicht ertragen, meine Mum weinen zu sehen."

Schapelle Corby Prozess

Nach vier Monaten, im Februar 2005, beginnt die Verhandlung. Der Gerichtssaal ist voll mit Reportern, die Schapelle mit Fragen bedrängen – ihre Story ist mittlerweile in Australien auf allen Titelblättern. "Als ich in den Saal geführt wurde, kamen mir plötzlich all die Gedanken, die ich verdrängt hatte: Komme ich erst als alte Frau wieder nach Hause? Werde ich jemals ein Baby haben? Leben meine Eltern, die so viel für mich getan haben, dann noch? Auch ans Sterben dachte ich: In Indonesien ist Erschießen eine gängige Strafe für Drogenschmuggler."

Die quälende Ungewissheit dauert vier Monate – vier Monate, in denen kein einziges Beweisstück von Schapelles Anwälten zugelassen wird. Dann wird das Urteil verkündet. "Ich stand alleine vor dem Richter, in einem Saal voller Menschen, hinter mir meine Familie. Dieser Mann hielt mein Leben in der Hand, er würde entscheiden, ob ich leben oder sterben, frei oder eingesperrt sein würde – und ich konnte nichts tun." Der Richter spricht schnell: "Tahun dua pulu tahun." Schapelle hat im Gefängnis ein wenig Indonesisch gelernt, versteht die Zahl zwei. "Der Richter sprach über Zahlen – ich durfte leben! Und 'Tahun' – bedeutet das nicht Monat? In zwei Monaten würde ich nach Hause fahren!" Schapelle blickt die Übersetzerin neben ihr an. Doch die schüttelt den Kopf – und sagt den Satz, der Schapelles Leben zerstören wird: "Nein, Schapelle. Es sind 20 Jahre."

Schapelle Corbys Mutter
Schapelle Corbys traurige Zeit im Gefängnis

"Dieser Moment fühlte sich so unwirklich an. Mein Gehirn weigerte sich zu verstehen." Die Schreie ihrer Mutter bringen Schapelle in die Realität zurück. "Und dann traf es mich wie ein Schlag: Mein Leben ist vorbei." Die nächsten Monate ist sie wie in Trance, zermartert sich den Kopf darüber, wer die Drogen in ihrer Tasche versteckte. Das Ausmaß des Urteils begreift sie nur langsam."20 Jahre Gefängnis – das liegt außerhalb meiner Vorstellungskraft." Die Gefangenschaft fordert ihren Preis: Schapelle leidet seit Jahren an Durchfall, übergibt sich oft. Durch das verseuchte Wasser, mit dem sie sich wäscht, sind Augen und Ohren entzündet. Sie muss sogar ihre hüftlangen Haare abschneiden, auf die sie so stolz war. "Als ich die Schere in die Hand nahm, weinte ich", sagt Schapelle. Ihr letzter Rest Würde: Sie schminkt sich jeden Tag, mit Lipgloss und wasserfester Mascara – "wegen der vielen Tränen".

Mit 31 ist Schapelle eine gebrochene Frau. "Nach vier Jahren Hoffen habe ich aufgegeben. Ich werde niemals ein Kind bekommen, nie heiraten. Ich sehne mich so nach einer Hand, die mir das Haar aus den Augen streicht, einem Kuss auf die Stirn. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt gelacht habe. Meine Augen haben aufgehört zu strahlen." Im März entscheidet das Berufungsgericht in Jakarta, dass Schapelle die 20 Jahre absitzen muss – trotz aller Bemühungen ihrer Familie und der australischen Behörden. Das war ihre letzte Chance. Im Januar stirbt ihr Vater an Krebs. Schapelle hatte ihn seit zwei Jahren nicht mehr gesehen – er war zu krank für einen Flug. Es bricht Schapelles Herz, dass sie sich nicht von ihm verabschieden konnte. Seine letzten Worte waren: "Geht es Schapelle gut?" Doch Schapelle war nicht da, um zu antworten.

Schapelles Fall schockiert die Welt - und sie hat ein Buch darüber veröffentlicht. In "No More Tomorrows" hat Schapelle mit der Journalistin Kathryn Bonella ihre Geschichte aufgeschrieben.

Johanna Schuhmann