4 Dinge, die ihr über Menschen mit HIV/AIDS wissen müsst

Wie sieht ein Leben mit HIV aus und wie sollte man sich gegenüber Betroffenen verhalten? Johanna Schneider, Sozialpädagogin bei der Münchner AIDS-Hilfe, hat mit uns zum Weltaidstag am 1. Dezember über diewichtigsten Dinge gesprochen, die jeder dringend über HIV/AIDS wissen sollte, um die Krankheit besser zu verstehen.

Weltaidstag

Am 01. Dezember ist Weltaidstag

1. Man kann mit HIV leben

Was sich nach der Schock-Diagnose "HIV positiv" ändert? "Natürlich geht jeder anders mit der Diagnose um, aber praktisch ändert sich wenig“, sagt Johanna Schneider. Die Sozialpädagogin erklärt, dass Betroffene auch nach dem vermeintlichen Todesurteil ein relativ normales Leben führen können. Zunächst ist  die Tatsache, dass man täglich Medikamente einnehmen muss, eine Einschränkung. Dass man davon abhängig ist, zeigt sich spätestens bei einem längeren Auslandsaufenthalt. Es ist nicht selbstverständlich, überall auf der Welt Zugang zu einer  HIV-Therapie zu haben. Aber was ändert sich über das Medizinische hinaus? Im Alltag gibt es für Menschen, die HIV positiv sind, erst einmal keine Einschränkungen. Aber je nachdem, welche Bilder von HIV/Aids im Kopf vorherrschen, kann die Diagnose unterschiedlich verarbeitet und in das Selbstbild integriert werden. Es gibt Leute, für die nach der Diagnose eine Welt zusammenbricht, weil sie sich noch an die AIDS-Epidemie aus den 80er-Jahren erinnern. Andere hingegen sind nach einer Diagnose viel pragmatischer und stürzen sich sofort in die Therapie – das ist bei jedem unterschiedlich.

Wichtig: es gibt auch keine Aufklärungspflicht – wer HIV positiv ist, muss dies mit niemandem teilen. "Es gibt allerdings Zahnärzte, die danach fragen und es kann sinnvoll sein, den Status offenzulegen. Dadurch können Ärzte beispielsweise auf Veränderungen im Zahnfleisch achten“, erklärt Johanna Schneider. "Natürlich gibt es ansonsten keine Infektionsgefahr, die allgemeinen hygienischen Standards sind völlig ausreichend“, so Johanna Schneider. Auch Sexualpartner müssen nicht darüber informiert werden, solange Betroffene von ihrem behandelnden Arzt die Bestätigung haben, dass die Viruslast mindestens seit sechs Monaten unter der Nachweisgrenze liegt und damit eine Infektionsweitergabe ausgeschlossen werden kann. Auf Kondome sollte trotzdem nicht verzichtet werden! Dank dieser Tatsache – "positiv, aber nicht infektiös“ – können Frauen, die HIV positiv sind, ihr Kind sogar natürlich gebären, ohne das Virus an ihren Nachwuchs zu übertragen.

Johanna Schneider von der Münchner AIDS-Hilfe ist es allerdings wichtig, zu betonen, dass HIV-Infektionen deshalb nicht verharmlost werden sollten. "HIV ist therapierbar, aber nicht heilbar. Betroffene nehmen ihr Leben lang Medikamente ein. Die Einnahme von Pillen zu vergessen, kann zur Folge haben, dass sich Resistenzen bilden und die Therapie nicht mehr wirkt. In sehr seltenen Fällen treten Langzeitnebenwirkungen der Medikamente wie Probleme mit der Leber oder ein erhöhtes Herzinfarktrisiko auf. Es ist nicht völlig egal, ob man positiv ist.“

HIV Medikamente

Wer seine Medikamente einnimt und regelmäßig zum Arzt geht, kann auch mit HIV ein hohes Alter erreichen.

2. Man kann mit HIV ÜBERleben

Das Todesurteil von einst ist HIV schon lange nicht mehr. "1996 wurden die ersten durchschlagenden Medikamente vorgestellt, die das HI-Virus unter Kontrolle bringen konnten. Damals wurde klar, dass die Kombinationstherapie funktioniert. Seitdem kommen immer neue Medikamente dazu, sodass auch Personen, die eine Resistenz gegen einen Wirkstoff entwickeln, weiterhin behandelt werden können“, so Johanna Schneider. Aktuell  experimentieren Forscher mit Gentechnik, um ein Heilmittel zu finden. Auch an Impfungen wird gerade gearbeitet. Als zusätzliche Vorsorge dürfen Ärzte in Deutschland seit Oktober 2017 auch die PrEP verschreiben. Dabei handelt es sich um ein HIV-Medikament, das von HIV-negativen Personen prophylaktisch eingenommen werden kann.

Wie eine HIV-Therapie abläuft? "Nach der Diagnose suchen Patienten einen Schwerpunktarzt auf. Dann wird der Stand der Infektion ermittelt und die Therapie begonnen. Alle drei Monate folgen regelmäßige Untersuchungen“, so Johanna Schneider. "Die Medikamente sind sehr verträglich und haben keine sichtbaren Nebenwirkungen. Bei regelmäßiger Einnahme haben Betroffene eine genauso hohe Lebenserwartung wie jemand ohne HIV.“ Dennoch gilt: HIV ist gefährlich. Auch wenn das Virus mittlerweile gut therapiert werden kann, ist die Prävention der Weiterverbreitung von HIV nach wie vor ein wichtiges Thema.

Leben mit HIV

Wie sieht ein Leben mit HIV aus? Viele wissen gar nicht, dass die Diagnose dank moderner Medizin nicht unbedingt ein Todesurteil sein muss.

3. Menschen mit HIV sind keine Ausgestoßenen, die ins Exil geschickt werden sollten

Gerade weil HIV-positive Menschen mittlerweile ziemlich normale, unaufregende Leben führen können, muss klargestellt werden: es gibt keinen Grund und keine Notwendigkeit einer Sonderbehandlung im Umgang mit Betroffenen. Die AIDS-Aufklärung hat einen ersten Beitrag dazu geleistet: "Dank der Aufklärungsarbeit verstehen die meisten Leute jetzt, wie das HI-Virus übertragen wird. Man weiß jetzt auch, dass es im alltäglichen Umgang mit Betroffenen keine Gefahren gibt. Dadurch ist die Akzeptanz für HIV-positive Menschen in den letzten Jahren gestiegen“, sagt Schneider.

Obwohl der Großteil der Bevölkerung ziemlich offen mit dem Thema AIDS umgeht, gibt es aber noch genug Gruppen, bei denen das nicht so ist. Johanna Schneider berichtet vor allem von Menschen aus anderen Kulturkreisen, in denen HIV/AIDS noch ein Tabuthema ist, über das nicht gesprochen wird. Daher ist es wichtig, künftig auch diese Menschen zu erreichen und aufzuklären.

HIV ist auch entgegen aller Vorurteile kein rein homosexuelles Problem. Zwar stimmt es, dass laut Schneider 70 Prozent der Betroffenen Männer sind, die Sex mit Männern haben. In Fachkreisen werden diese Personen MSM genannt. Jedoch ist die Zahl der Neuinfektionen unter Homosexuellen in den letzten zwei Jahren leicht zurückgegangen - bei Heterosexuellen ist sie gestiegen. "Das hat aber auch damit zu tun, dass Menschen mit HIV nach Deutschland eingereist sind. Die Statistik nimmt diese Personen als Neuinfektionen auf. Es wäre also falsch zu sagen, dass das Virus in der heterosexuellen Bevölkerung in Deutschland zugenommen hat", erläutert Schneider.

4. Wie man selbst helfen kann

Was man selbst tun kann, um zu helfen? "Ein wichtiges Anliegen für mich ist es, der Diskriminierung und Stigmatisierung von Betroffenen entgegenzuwirken. Betroffene dürfen nicht mehr nur auf HIV reduziert werden“, erklärt Johanna Schneider, die sich seit 25 Jahren für HIV-positive Menschen einsetzt. "Das sind Leute, die ganz normal leben … sie haben halt unter anderem eine Infektion. Doch das ist nicht ihre Identität.“ Wie der Umgang mit Betroffenen also aussehen sollte? So, wie wir mit jedem anderen Menschen auch umgehen. Grundsätzlich sollten wir versuchen, jeden Menschen zu akzeptieren, unabhängig von seinem Lebensstil. Eine HIV-Infektion ist kein Grund, den Charakter einer Person zu hinterfragen oder anzuprangern. Stattdessen sollte man vorurteilsfrei auf Menschen mit HIV zugehen und aus der Infektion keine Sensation machen.

Mehr Einblicke über ein Leben mit HIV gibt auch die Ausstellung "Gesicht zeigen! Leben mit HIV", in der bis Ende Januar 2018 im Café Regenbogen in München Videointerviews und Portraits von Betroffenen gezeigt werden.