Wann ist ein Mann ein Mann?

- Da haben mich die Kolleginnen doch neulich echt gefragt: "Wie definierst du eigentlich Männlichkeit?" Sie wollten wissen, was laut einem Mann einen Mann ausmacht. Und ich dachte mir: "…". Nichts. Ich wusste es nicht. Und ich weiß noch immer nicht, was einen echten Mann, einen guten Mann ausmacht. Also aus männlicher Sicht. Vielleicht liegt das daran, dass ich den Kontakt zu meinem Geschlecht verloren habe. Also dem biologischen. Dafür denke ich nun ziemlich viel über mein kulturelles Geschlecht nach – und fühle mich ziemlich durchgegendert. Und das geht wohl vielen Männern so.

Wie schön einfach waren doch die alten Zeiten, als Männer noch wussten, wie Männlichkeit geht.

Wie schön einfach waren doch die alten Zeiten, als Männer noch wussten, wie Männlichkeit geht.

Warum mich die Frage nach der Männlichkeit so überrascht hat? Ich habe gar keine Erwartungen an mein Geschlecht. Erwartungen habe ich an mich selbst. Klar, ich bin ein Mann, und ich habe damit auch kein Problem. Ich kann leidlich gut kochen, ich kann leidlich gut hämmern und bohren. Ich gehe gern ein paar Mal pro Jahr ins Stadion, noch viel öfter aber auf Spielplätze.

Ich spiele gerne Fußball mit unseren Töchtern oder bezwinge abenteuerliche Klettergerüste. Ich spiele genauso gerne Mutter-Vater-Kind. Ich bastele auch gerne, wobei ich nicht ganz so geschickt mit Schere und Kleber umgehen kann, und auch meine figürlichen Zeichenkünste sind begrenzt. Natürlich male ich trotzdem tolle Bilder. Im Kinderzimmer gibt es Spielzeugküche, Bauernhof, Kinderwerkzeugkasten, Puppenwagen, Spielzeugautos, Bagger. Ich ziehe unsere Töchter gern hübsch an. Manchmal mit Rock oder Kleidchen, machmal mit Jeans und Kapuzenpulli. Meine Freundin und ich teilen alle Elternaufgaben ziemlich gut auf.

Die Frage nach der Männlichkeit der Männer stellt sich mir im Alltag nicht. Alles ist ganz normal, finde ich. Wobei ich da gar nicht mehr so sicher bin: Ich war auf der Uni und gehöre zum Bildungsbürgertum. Ich lebe nicht am Existenzminimum und muss keine Sozialleistungen beantragen. Vielleicht lebe ich ja in einem Mikrokosmos, der vielleicht nicht viel mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu tun hat?

Jedenfalls habe ich ein bisschen recherchiert und viel gelesen darüber, wie schwierig die ganze Geschlechtersache wohl ist. Frauen müssen alles sein: sexy, Kumpel, Mutter, selbständig, traditionell. Als Frage meiner Kolleginnen formuliert hört sich das so an: "Seid ihr Männer euch der Schizophrenie eigentlich bewusst, denen Frauen durch die diametral entgegengesetzten Erwartungen an sie ausgesetzt sind? Gibt es das auch bei euch?"

Nein und nein. Ich bin mir der Schizophrenie nicht bewusst, weil ich sie in meinem Alltag, in meinem persönlichen Umfeld, im Kleinen, nicht erlebe. Und doch: ja und ja. Weil es im Großen nicht von der Hand zu weisen ist. Weder bei Frauen noch bei Männern. Ich glaube, dass die Neuordnung der Geschlechterrollen bedingt ist durch eine gewisse gesellschaftliche Stabilität: Frau ist nicht mehr reduziert auf Küche, Kirche, Kinder. Und Mann muss nicht mehr Beschützer und Alleinverdiener sein.

Es ist eine ziemlich gute Situation, wenn Neuordnung der Geschlechterrollen bedeutet, sich von ebenjenen Rollen lösen zu können. Die neue Vielfalt bringt aber eben auch neue Anforderungen mit. Und jetzt habe ich doch eine Antwort auf die Frage meiner Kolleginnen, wie ich Männlichkeit definiere. Männlichkeit bedeutet, einen Spagat zu machen. Immerzu.

Natürlich dürft ihr jetzt aufschreien: "Aber das machen wir seit Jahrtausenden so." Das ist euer gutes Recht, weil ihr ja auch recht habt. Aber deswegen solltet ihr uns nicht das Recht absprechen, in unsere neuen Rollen hineinzuwachsen. Wir müssen uns an die ganze Schizophrenie erst gewöhnen. Schmunzelt ruhig, schüttelt mit dem Kopf, regt euch meinetwegen auch ein bisschen auf. Aber schaut nicht von oben auf uns herab.

Der Mann 2018 ist nicht für die Vergangenheit verantwortlich, sondern für die Zukunft. Und in der sollen kulturelle Ungleichheiten zwischen den Geschlechtern abgebaut werden. Das geht aber erstens nicht mit einem Fingerschnipp und zweitens am besten gemeinsam. Ich bin jedenfalls dafür, dass Mann und Frau sich befreien von Geschlechter-Dogmen und einfach sie selbst sind. Wenn das im Kleinen klappt, warum nicht irgendwann auch im Großen?

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