"Mein Heilungsweg aus der Adipositas"

Sie wiegt 170 Kilo, als die Ärzte ihr nur noch ein halbes Jahr zu leben geben: Aber Iris Paul-Feußner will leben und beginnt, gegen ihre Fettsucht zu kämpfen. Die Psychotherapeutin hat den langen und harten Weg aus der Adipositas geschafft. Sie ließ sich als erste Deutsche operativ Magen und Darm verkürzen, heute ist sie 90 Kilo leichter und überglücklich. Wir haben mit Frau Paul-Feußner über ihren Weg aus der Fettsucht gesprochen.

In ihrem Buch

In ihrem Buch "Am Rande der Haut" beschreibt Iris Paul-Feußner bewegend und ehrlich ihren Weg aus der Adipositas (Bild: Innenwelt Verlag)

Frau Paul-Feußner, in Ihrem Buch "Am Rande der Haut – Mein Heilungsweg aus Adipositas" schreiben Sie, dass sie früher sportlich und schlank waren und erst mit 18 zugenommen haben. Wie kam es dazu? Was waren die ersten Anzeichen für die Adipositas?

Die Adipositas ist eine genetisch determinierte Krankheit, man spricht von circa 80 Prozent Genetik. Das heißt, die Krankheit steckt bereits in der Familie drin. Es gibt zwei Arten der Adipositas: Kinder, die schon immer dick sind, die also von Geburt an einen genetischen Fehllauf haben. Oder Menschen, die erst nach der Pubertät in die Adipositas rutschen.

Das war bei Ihnen der Fall.

Richtig. Ich war immer ein sportliches Kind und habe Leistungssport gemacht, war im Schwimmkader und habe Handball gespielt – eine schlanke, durchtrainierte Jugendliche. Völlig normal. Ich habe Adipositas mütterlich in mir und alle haben immer gehofft, dass ich es nicht bekomme. Alle dachten, wenn ich Sport mache, geht das Gewicht wieder runter. So funktioniert es bei dieser Krankheit aber nicht. Mit Ernährung und Diäten ist nichts zu machen. Ich habe auch die klassische Diäten-Karriere hinter mir, danach war immer noch mehr Gewicht drauf als vorher, denn die Gene machen das nicht mit.

In Ihrem Buch sagen Sie, dass Alltagsdinge, wie z.B. einkaufen, eine Qual für Sie waren. Was hat Sie noch eingeschränkt?

Das Tragische an der Krankheit ist, dass sie unbehandelt – genau wie andere genetische Krankheiten, z.B. Diabetes – zum Tod führt. Deshalb wird irgendwann jegliche Zukunftsaussicht nichtig, die Einschränkungen im Alltag kommen sukzessive: Man kann keine Wege mehr gehen, jeder Schritt tut weh, denn irgendwann wird man von seinem Gewicht erdrückt. Also stellen Sie nach und nach jede Art von Aktivität ein, weil der Körper es nicht mehr schafft. Langsam aber sicher kommt der soziale Rückzug: Jeder Stuhl im Restaurant ist zu klein, Ihnen wird auf der Straße nachgegafft, Sie finden keinen Job und keinen Partner. Sexualität gibt es nicht mehr, wie soll das denn auch funktionieren 150 Kilo auf 150 Kilo?

Am "Höhepunkt" Ihres Gewichts, als Sie 170 Kilo wogen, haben Sie sich 2002 für eine operative Magen und Darm-Verkürzung entschieden: Was war der Auslöser für Ihre Entscheidung?

Der Auslöser war schlicht und ergreifend, dass die Ärzte mir sagten, dass ich nur noch ein halbes Jahr zu leben habe. Man muss sich das so vorstellen:

Wenn ein Normalgewichtiger eine Einkaufstüte von 10 Kilo trägt, ist das für ihn schon schwer. Aber stellen Sie sich mal vor, was ein Adipositas-Kranker tragen muss: Er schleppt den ganzen Tag 50 bis 70 Kilo mit sich herum.

Irgendwann geht dann eben nichts mehr, und die inneren Organe wehren sich und fangen an zu spinnen. Ich wurde auch krank, zuerst war es die Pankreas und ich bekam Diabetes.

Nach und nach haben die anderen Organe versagt, erst Niere, dann Leber und ich habe die Todesspirale deutlich gespürt. Ich wusste, dass ich nicht mehr lange leben würde.

Sind solche Operationen üblich?

Bis 2002 wurde nur in den USA, Italien und Spanien operiert, aber ich hatte das große Glück, den deutschen Pionier,Herrn Prof. Dr. Weiner aus Frankfurt kennenzulernen. Als erster unternahm er die Operation für Adipöse in Deutschland, wir waren sozusagen die Versuchskaninchen.

Ob es gut gehen und wirklich funktionieren würde, wusste keiner so genau. Aber eine 50-prozentige Chance zu überleben gegen die Garantie an Fettsucht zu sterben, ließ mich die OP machen. Sollte die OP erfolgreich sein, würde ich wieder normales Gewicht und eine normale Lebenserwartung haben.

Wie passiert bei einer solchen OP mit dem Körper?

Sie macht einen ganz einfachen Trick: Sie schaltet die Wirkmechanismen der Gene aus, die im Magen liegen. Der Magen eines Adipösen ist um ein Vielfaches größer als der Magen eines normalen Menschen. Zudem fehlt dem adipösen Magen das Sättigungsgefühl.

Der Magen eines Normalgewichtigen ist nach circa einem Drittel gefüllt, was sofort an das Gehirn gesendet wird. Meist isst man dann noch ein paar Löffel oder den Nachtisch, dann hört man auf zu essen. Genau dieser Mechanismus fehlt beim Adipösen: Wenn der Magen schon zu zwei Dritteln voll ist, dehnt er sich bis zum Übervollen.

Erst dann tritt ein Völlegefühl auf, was bedeutet, dass der Adipöse von Grund auf immer zuviel und zu oft isst. Der Genschaden löst ein ständiges Hungersignal aus. Dazu kommt noch ein zweites Problem:

Der Darm bekommt andauernd das Signal, dass Hungerzeit ist. Alles, was er an Nahrungsangebot bekommt, nimmt er auf. Bei einem normalen Esser schaut der Darm, was er bekommt und welche Stoffe er wirklich benötigt, z.B. Glukose, Kohlehydrate usw.

Diese Stoffe nimmt er sich, während er die restlichen ausscheidet. Bei einem Adipositas-Erkrankten läuft das falsch, er nimmt 100 Prozent der Stoffe auf, und weil er nicht weiß wohin damit, legt er sie in Fett an.

Nach der OP mussten Sie sich umstellen, haben anfangs sogar fast alles erbrochen. Fiel Ihnen die Umstellung leicht? Oder haben Sie doch manchmal das Verlangen, mehr zu essen?
Jeder Adipöse hat durch die gesellschaftlichen Einschränkungen psychische Probleme. Man isst zum Trost, zur Bestätigung, und gegen die Einsamkeit: Adipositas hat also einen hohen psychischen Faktor. Man muss sich also sehr langsam an das neue Essen gewöhnen. Direkt nach der OP durfte ich nur Flüssignahrung zu mir nehmen, circa fünf Esslöffel. Heute esse ich nicht unbedingt mehr.

Sie essen heute immer noch so wenig wie nach der Operation?

Ja, das stimmt. Mehrmals am Tag eine kleine Kaffeetasse ist die Menge, die ich essen kann. Dann ist mein Magen voll. Ich habe tatsächlich seit meiner OP keine Hauptmahlzeit mehr in einem Restaurant gegessen. Mein Magen meldet jetzt schon nach fünf Esslöffeln, dass er voll ist.

Können sie heute mit Genuss essen?

Durch die OP werden der ganze Diät-Wahn und die Angst vor der Waage ausgeschalten. Adipöse sind immer einem immensen Druck ausgesetzt, und all das hört dann auf. Ich kann essen was ich will, und bis ich satt bin.

Allerdings muss ich Prioritäten setzen, das heißt ich esse z.B. das Steak und die Röstzwiebeln, aber nicht die Pommes mit Salz. Ich brauche Proteine und muss auch Vitaminpräparate nehmen, denn soviel Obst und Gemüse kann ich gar nicht zu mir nehmen, um den Mangel auszugleichen. Gerade erst hatte ich einen kompletten Check-Up beim Arzt, der mir bestätigte, dass ich wieder völlig gesund bin.

Sind Sie denn jetzt rundum zufrieden mit sich selbst?

Ich bin auf alle Fälle bei mir angekommen, aber in meiner Arbeit mit Adipösen als Psychotherapeutinmerke ich immer wieder:

Sie können eine Adipositas nicht ungeschehen machen. Sie spielt heute für mich zwar keine Rolle mehr, aber die Krankheit war da.

Meine schlabbrige Haut musste wegoperiert werden. Ich habe heute zwar schönere Brüste als früher (sie lacht), aber natürlich habe ich auch unzählige OP-Narben.

Als Körper-Psychotherapeutin möchte ich den Menschen helfen, wieder mit ihrem Körper zu leben. Genau diesen Weg musste ich auch gehen.

Wie gelang es Ihnen, Ihren Körper wieder zu lieben?

Mir gelang dies hauptsächlich durch Tantra, ich bin Mitbegründerin der tantrischen Körperpsychologie und bin oft nackt vor meinen Patienten. Bis jetzt ist noch niemand bei meinem Anblick davongerannt (sie lacht). Der Körper kann wieder so werden, dass man sich frei und ungezwungen bewegen kann, und wieder Körperlichkeiten erleben kann.

Ich habe heute ein spannendes und abwechslungsreiches Sexualleben. Früher hätte ich das aus Scham gar nicht zugelassen. Die OP ist der Anfang, das sich etwas ändern kann. Jeder muss nach der OP selbst herausfinden, was ihn befriedigt und wie er seinen Körper wieder zu lieben lernt.

Die bewegende Geschichte von Iris Paul-Feußner können Sie in ihrem Buch "Am Rande der Haut - Mein Heilungsweg aus Adipositas" (Innenwelt Verlag, 17,80 Euro) lesen.

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